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Eurokurs: Von hoch oben lässt sich's tief fallen

(c) EPA (BORIS ROESSLER)

Die Gemeinschaftswährung sinkt zum US-Dollar auf ein Jahrestief und zum Yen auf ein Zehnjahrestief. Weniger war die Währung zuletzt im September 2010 wert. Ein weiterer Absturz ist keineswegs ausgeschlossen.

Wien. Der Euro setzte am Donnerstag seine Talfahrt fort und notierte zwischenzeitlich bei 1,2895 Dollar. Weniger war die Gemeinschaftswährung zuletzt im September 2010 wert. Zum Yen verlor der Euro ebenfalls deutlich, auf 100,29 Yen für einen Euro. Weniger mussten Anleger zuletzt im September 2000 bezahlen, als die Gemeinschaftswährung als Bargeld noch gar nicht existierte. „Die Presse“ beantwortet die wichtigsten Fragen zum Kursverlust des Euro.

 

1. Worauf ist die aktuelle Talfahrt des Euro zurückzuführen?

Obwohl die Schuldenkrise schon seit vielen Monaten über Europa tobt, blieb der Kurs des Euro bislang relativ stabil. Eine Abwertung erwarten Experten schon seit Längerem. Man könnte sagen, dass die Vertrauenskrise der Politik nun auch auf dem Währungsmarkt angekommen ist. Die Verspätung hat der Euro eher den Problemen in den USA (Schuldendebatte) und Japan (Konjunktureinbruch nach dem Erdbeben im März) als seiner eigenen Stärke zu verdanken.

2. Gilt ein Eurokurs von unter 1,30 Dollar tatsächlich als „schwach“?

Nicht wirklich, wenn wir weiter zurückblicken. Am 4. Jänner 1999 startete der Euro als Buchgeld zu einem Kurs von 1,17 Dollar und sank bis Herbst 2000 auf unter 0,83 Dollar. Die Europäische Zentralbank intervenierte damals heftig auf dem Währungsmarkt, gemeinsam mit der japanischen und der amerikanischen Notenbank, um den Verfall des Euro zu stoppen. Im Juli 2002 überstieg die Gemeinschaftswährung wieder die Parität zum Dollar, zum Höchststand 2008 war ein Euro 1,59 Dollar wert.

3. Sollten wir von einer Euro- oder einer Schuldenkrise sprechen?

Notenbanker der Eurozone betonen immer wieder, dass es sich um eine Schuldenkrise der Euroländer, aber um keine Währungskrise handle. Demnach habe erst die hohe Staatsverschuldung umfassende Interventionen, etwa Staatsanleihenkäufe, nötig gemacht und zu einem Vertrauensverlust geführt, was wiederum für den Kursverfall verantwortlich sei. Allerdings: Die Politik scheint nach wie vor keine Antwort parat zu haben, wie heterogene Volkswirtschaften von unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit langfristig in einem Währungsraum bestehen können. Deshalb ist es zulässig, auch von einer Währungskrise zu sprechen.

(c) DiePresse

4. Welche Rolle spielt die EZB in Verbindung mit dem Eurokurs?

Anfang Dezember reduzierte die Zentralbank den Leitzinssatz von 1,25 Prozent auf ein Prozent. Eine Leitzinssenkung schwächt in der Regel die Währung, weil die Geldanlage in Euro dadurch weniger attraktiv wird. Allerdings liegen die Leitzinsen in den USA bei unter 0,25 Prozent, der Wertverlust zum Dollar kann deshalb so nicht erklärt werden. Auch die Staatsanleihenkäufe der EZB von 210 Mrd. Euro gelten nicht als Grund, weil die US-Zentralbank Fed in deutlich größerem Ausmaß interveniert hat. Die Euroschwäche ist eher auf den Vertrauensverlust der Anleger als auf die Zentralbankinterventionen zurückzuführen.

5. Was bedeuten die Kursverluste für die österreichischen Bürger?

Für die Exportwirtschaft ist ein schwächerer Euro von Vorteil, weil europäische Produkte im Ausland billiger werden. Allerdings werden Österreichs Produkte international eher wegen der Qualität und nicht wegen eines günstigen Preises nachgefragt. Deshalb werden die Exporte auch trotz des bisher starken Euro heuer einen Rekordwert von 125 Mrd. Euro erreichen.

Für Urlauber ist die Talfahrt des Euro ein Nachteil. Flugreisen und Hotelzimmer, beispielsweise in den USA und in Asien, werden teurer. In Dollar oder Yen investierte Anleger profitieren hingegen, wenn sie ihre Wertpapiere verkaufen und den Erlös in Euro wechseln.

6. Wie wird es mit dem Kurs des Euro weitergehen?

Hier sind sich die Experten uneins. Die Wirtschaftskammer spricht von einem „fairen“ Eurokurs von 1,30 Dollar. Die BNP Paribas hält auch eine weitere Talfahrt auf weniger als 1,20 Dollar für möglich: „Am Horizont ist nichts zu erkennen, was positiv für den Euro sein könnte“, verlautete das Institut. Die Devisenexperten von der norddeutschen Landesbank wiederum erwarten in ihrem aktuellen Ausblick, dass der Euro bis März auf 1,35 Dollar zulegen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2011)