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Frankreich: Angst vor dem Silvester-Blackout

Symbolbild
(c) EPA (ARMIN�WEIGEL)
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Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie könnte in dem Nachbarland zu einem Energieengpass führen. Denn viele Franzosen heizen mit Strom. Einen Vorgeschmack haben die Bewohner der Bretagne bereits erhalten.

Paris. Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie hat größere Auswirkungen auf seine Nachbarn als bisher gedacht. Selbst der Atommacht Frankreich droht zum Jahreswechsel ein Energie-Engpass. Denn setzt Deutschland den zügigen Ausstieg aus der Atomkraft tatsächlich um, wird das Land künftig mit seiner Elektrizität gut haushalten müssen. Schon heute liefert etwa Österreich Strom nach Deutschland, um Engpässe zu vermeiden. Für den Export nach Frankreich dürfte Deutschland immer weniger Stromüberschüsse übrig haben.

Im Winter Stromimporte nötig

Dabei ist Paris in den kältesten Monaten, wenn der elektrische Energieverbrauch seine Spitze erreicht, auf deutsche Stromimporte angewiesen. Schließlich wurden Frankreichs Konsumenten über Jahrzehnte hinweg durch günstige Strompreise zur Anschaffung elektrischer Geräte ermuntert. Viele Stadtwohnungen werden auch heute noch ausschließlich elektrisch geheizt.

Auf den ersten Blick muss die drohende Stromknappheit eigentlich überraschen. Mit seinen 58 Atomreaktoren produziert Frankreich nicht nur gut drei Viertel der Elektrizität, die im Land gebraucht wird, sondern hat allein im Vorjahr noch 29 Terawattstunden (TWh) Strom ins benachbarte Ausland exportiert. Die Stromhandelsbilanz mit Deutschland ist aber traditionell negativ: 2010 exportierte Deutschland 16,1  TWh nach Frankreich und importierte 9,4 TWh. Im selben Jahr ist die Zahl der Tage, an denen Frankreich Elektrizität aus dem Ausland importieren musste, von 57 im Jahr 2009 auf 72 gestiegen.

Kein Strom in der Bretagne

Im Unterschied zu den thermischen Kraftwerken, die auf der Verbrennung von Erdgas, Öl oder Kohle basieren und grundsätzlich in allen Jahreszeiten dem Bedarf angepasst werden können, sind die Atomkraftwerke wegen ihrer Kühlsysteme vom Wasserstand der Flüsse abhängig. Obwohl diese Flüssigkeit zum größten Teil wieder in die Gewässer zurückfließen, ist die Wassermenge, die entnommen werden darf, streng reglementiert. Probleme können entstehen, wenn der Wasserstand nach einer anhaltenden Trockenperiode zu tief ist. Außerdem sind zurzeit mehrere Reaktoren zu Wartungs- und Inspektionszwecken außer Produktion.

Französische Energiekonzerne wie EDF (?lectricité de France) und GDF-Suez halten die Klimaentwicklung und mittelfristige Wettervoraussagen daher gebannt im Blick, um gegebenenfalls ausreichend Stromimporte sichern zu können. Falls – wie dies für diesen Winter erwartet wird – die Durchschnittstemperatur um ein Grad Celsius niedriger ist, müssen pro Tag mit einem Spitzenverbrauch rund 2000 Megawattstunden zusätzlich gefunden werden.

Einen Vorgeschmack auf das, was sonst, wohl punktuell und organisiert, passieren müsste, haben die Bewohner der Bretagne bereits erhalten: Ihre Stromzufuhr wurde bereits eingeschränkt, um ein generelles Blackout im französischen Stromnetz zu vermeiden. Da Deutschland bei solchen Engpässen künftig weniger Elektrizität liefern wird, rechnet die Energiegroßmacht Frankreich mit Hilfe aus den kleineren Ländern Belgien oder der Schweiz.

Ambitionierter Leitungsbau

Diese erhofften Stromimporte hängen aber nicht nur von allfälligen Überkapazitäten in den Nachbarstaaten ab. Das für den Energietransport in Frankreich zuständige Staatsunternehmen RTE (Réseau de Transport d'Electricité) hat vorausschauend auch mit einem ambitionierten Ausbau der Stromleitungen mit Partnern im Mittelmeerraum (nach Spanien und in den Maghreb und via Italien bis Griechenland und in die Türkei) begonnen.

Für diesen Winter meint RTE-Direktionspräsident Dominique Maillard vorsichtig, dass Frankreich mit den existierenden Verbindungen an die Grenzen im Prinzip gerüstet ist – falls das Wetter einigermaßen mitspielt.