Sabine Hiebler und Gerhard Ertl befassen sich mit dem Altwerden auf widerspruchsvolle Weise. Spannendes und aktuelles Thema wurde beladen mit Klischees. Immerhin: Christine Ostermayer und Karl Merkatz entzücken.
Eine alte Dame tritt weinend aus einem Haustor. Ihre Nichte hat während eines Spitalsaufenthalts ihre Wohnung gekündigt. Sie steht auf der Straße. Da kommt ein alter Herr des Weges, bleibt stehen und spricht die Seniorin an. Er bringt sie ins Hotel, sie bittet ihn hinauf, sie küssen sich.
Der Zuseher denkt: Oh, Gott! Ein Melodram. Und hat noch einige Male die Gelegenheit, über diesen Film von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl, die früher witzige Experimentalfilme drehten, den Kopf zu schütteln. So hätte man den zwei reizenden alten Leutchen das Stöhnen und Wälzen im Bett ruhig ersparen können. Und auch die Nähe zum als Pendant zum Austropop sich formenden Austrofilm, der sich allzu beflissen und rasant von der Experimentierfreude zum Kommerz aufmacht, stört.
Kürzlich sah man Karl Merkatz in Echte Wiener 2 wieder als Mundl. Anfang 80 hat durchaus Ähnlichkeit mit diesem Film, inhaltlich wie ästhetisch. Man sollte es sich nicht gar zu gemütlich machen in einem volkstümlichen Genre, das immer mit denselben rustikal konstruierten Motiven zwischen Dialektorgie und Familienaffären oder Krimis operiert. Aber es gibt auch Gutes zu sagen: Christine Ostermayer begeistert als zart zerbrechliche, aber ungemein entschlossene alte Dame, ihre halb schüchterne, halb kecke Rosa ist wirklich zum Verlieben.
Merkatz spielt wieder mit viel Herz eine seiner sympathischen Rollen als Original und Urgestein: Sein Bruno wandert glaubwürdig von der Leidenschaft zum Entsetzen. Merkatz' schauspielerische Mittel mögen schmal sein, was er kann, beherrscht er aber perfekt.
Zum Rendezvous statt zum Arzt
Die Liaison von Bruno und Rosa stößt auf wenig originelle Hindernisse, die aber ebenfalls von der guten Besetzung über die Banalität hinausgehoben werden: In den sprechenden Blicken der von Bruno wegen Rosa sitzen gelassenen Gattin Herta (Erni Mangold) spiegelt sich eine Jahrzehnte lange Ehe, die sich nonverbal eingeschliffen hat. Man fragt einander nicht mehr viel, das erweist sich als Fehler, wenn der Ehemann sich angeblich zum Arzt aufmacht, aber in Wahrheit ein Rendezvous hat. Wer rechnet mit so was?
Joseph Lorenz punktet als erzürnter Sohn mit Zwischentönen, ein schlechtes Gewissen hat er doch, wenn er den Alten unter Kuratel zu stellen versucht. Die von der Liebesgeschichte irritierten, sie bekämpfenden Leute sind keine Unmenschen, sie wollen nur, dass ihre Routine nicht gestört wird, ob es sich nun um die indignierte Altersheimleiterin handelt oder um die Polizisten, die Bruno festnehmen wollen, nachdem er Rosa aus dem Spital „entführt“ hat.
Dieser Film will realistisch sein, er schönt aber die wahren Verhältnisse vor allem gegen das Ende hin, wenn Rosa Bruno um Sterbehilfe bittet, bleibt die Handlung allzu sehr in der Romanze verhaftet.
Das hohe Alter ist vielleicht eine der Lebensphasen, die sich am revolutionärsten verändert: Menschen mit über 80 können heute äußerst lebendig sein. Wenn die Angehörigen der Fitnessgeneration nachrücken, wird sich diese Vitalität noch steigern. Die Debatte über Pflegefälle gibt ein einseitiges Bild der Lage. Die Kunst wird sich wohl der Facetten des hohen Alters verstärkt annehmen, was hier immerhin geschehen ist, wenn auch zu gefällig und schematisch.