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Hamburg: Seemann, lass das Träumen

Symbolbild
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Touristen und Einheimische lassen es am Hafen, auf der Elbe und an der Alster tuschen. Seeleute feiern Silvester in der Seemannsmission.

Hamburg. Feuerwerkskörper verwandeln den Himmel über dem Hafen in einen Farbenrausch. Akustisch begleitet wird das Spektakel von einem Konzert der Signalhörner, die die Schiffe beisteuern. Dazwischen mischt sich Gelächter und das Klirren von Sektgläsern. Silvester in Hamburg ist ein spezielles Ereignis, überhaupt, wenn man es auf dem Wasser verbringt. Und davon gibt es bekanntlich sehr viel.

Der Hafen gilt als der beste Gratislogenplatz fürs große Feuerwerk, das über der Hansestadt niedergeht. 35.000 Menschen haben letztes Jahr an den Landungsbrücken gefeiert. Obwohl die Buden an der Hafenmeile vom Sekt bis zur Bratwurst alles feilbieten, bringen viele ihre eigenen voll bepackten Picknickkörbe mit.

Aus einiger Entfernung erleben auch die Teilnehmer an der Silvesterfahrt der Elb-Reedereien das Spektakel, sei es als Passagier auf einer einfachen Barkasse, sei es als Gast eines Galaabends an Bord eines historischen Schaufelraddampfers. Allen Fahrten gemeinsam ist der fantastische Ausblick auf die Werften, die HafenCity, das Musicalzelt, die strahlende Silhouette der Stadt. Schnell sind die besten Plätze ausgebucht – etwa die Logen im neuen Hamburg-Cruise-Center Altona.

Auch die Alsterschiffe legen zu Sonderfahrten ab und bleiben um Mitternacht auf der Außenalster stehen, damit man sich das Feuerwerk in aller Ruhe anschauen kann. Das sieben Kilometer lange Ufer ist gesäumt von gar nicht so unterkühlten Hanseaten, die Wunderkerzen schwenkend und lachend das neue Jahr begrüßen. Und sollte der Alstersee schon jetzt von ausreichend dickem Eis bedeckt sein, wird in langen Kolonnen mit Fackeln von einem Ufer zum anderen gewechselt.

Ein Ereignis, das mittlerweile auch viele Touristen anzieht. Doch wie geht es jenen, die nicht freiwillig tausende Meilen von zu Hause entfernt sind? Für Seeleute hat Silvester in Hamburg weniger mit Romantik, sondern mehr mit Notwendigkeit zu tun. Um ihnen die Wartezeit zu verkürzen, bis die amtliche Hafenruhe über Neujahr beendet wird, bietet die Deutsche Seemannsmission Hamburg-Harburg im „Duckdalben International Seamen's Club“ den Fahrensmännern einen Ankerplatz (aber nicht Schlafplatz), der sich zu Silvester in eine Partylocation verwandelt.

 

Karaoke und Würstchenbüffet

Countdown. Justin Jay D. Estacio aus Manila sitzt vor seinem Laptop. Auf dem Bildschirm erscheinen via Skype seine Frau, die elfjährige Tochter, noch mehr Verwandte. „Daheim ist jetzt schon Mitternacht“, sagt der Filipino und holt tief Luft. „Da muss ich meinen Lieben Glück wünschen.“ Der Schiffskoch war schon oft im Duckdalben, der 2011 als bester Seemannsklub der Welt ausgezeichnet wurde. Einmal pro Woche macht Justins Schiff, der 14.000-Tonnen-Frachter M/V Thetis, in Hamburg fest, und jedes Mal lässt er sich in der Seemannsmission bei der Köhlbrandbrücke blicken. „Ich treffe Landsleute“, sagt er, „kann mit ihnen Tischfußball und Billard spielen und Bier trinken. Außerdem hören mir die Leute hier wirklich zu.“ Eine davon ist Corinna Dohotariu. Seit einigen Jahren arbeitet sie hauptamtlich hier als Seemannsdiakonin. Am Tresen bietet von der Gitarre bis zur Seife alles an, was man an Bord braucht, schenkt alles außer Schnaps aus, verkauft Internetwertkarten und verwaltet 17 Telefone als Nabelschnur zur Heimat.

Die Räume sind mit Luftschlangen und Discokugeln dekoriert, eine Seifenblasenmaschine ist im Einsatz. „Wir wollen unseren Seeleuten zu Silvester immer eine richtig schöne Party bereiten“, sagt Dohotariu. „So zwischen 250 und 300 aus zehn bis 15 Nationen feiern jedes Jahr bei uns.“ Wie Justin. Vor dem Fest geht der Schiffskoch noch in den ersten Stock in den „Raum der Stille“, spricht ein kurzes Gebet und trägt seine Wünsche ins „prayer book“ ein. Für alle großen Religionen sind Nischen eingerichtet, offen, ohne Trennwände. Tanzen wird er – mit seinen Kumpels, weil nicht genug Frauen da sind. Und Karaoke singen. Gemeinsam lachen mit Russen, Indern, Malaien, Finnen, Schweden – ganz ohne Sprachbarrieren. Aufs neue Jahr anstoßen mit Offizieren oder gar Kapitänen – ganz ohne Rangordnung. Die Mitarbeiter im Duckdalben, viele ehrenamtlich, haben ein Büffet mit Würstchen und Kartoffelsalat aufgebaut, später gibt's Berliner und Sekt.

 

Deine Heimat ist das Meer

Und was macht einer, für den Hamburg zwar Heimathafen ist, der aber Silvester auf hoher See verbringt? Und noch dazu Österreicher ist? Johann Schrempf aus St. Martin am Grimming ist beschäftigt bei Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten – als Hotelmanager auf der MS Europa. Seit 1995 ist er auf der Hanseatic und der Europa unterwegs, meist konnte er die Feiertage nicht zu Hause verbringen. „Zu Silvester bekommt die Besatzung ein schönes Diner, nach Mitternacht gibt's eine Party“, sagt Schrempf. An Land kann die Mannschaft nicht gehen, da der Luxusliner bereits um 16 Uhr von El Salvador Kurs auf Mexiko nimmt. Rund 330 Passagiere muss der Offizier mit den dreieinhalb Streifen an Bord betreuen, „für Sentimentalität bleibt wenig Zeit, Gäste haben Vorrang. Allerdings werde ich meiner Familie über Skype alles Gute zum neuen Jahr wünschen.“

Während Schrempf bei über 30 Grad skypt, müssen sich die Besucher in seinem Heimathafen warm anziehen, um dem berühmten Hamburger Schmuddelwetter zu trotzen. Es hält sie aber nicht ab, zu Tausenden Position im Hafen zu beziehen, die Sektflaschen bereitzuhalten.

Mitternacht im Duckdalben – mindestens genauso fröhlich. Vor der Mission wird gezündelt, gekracht, gelacht. Einige Besucher drücken den Seeleuten Wunderkerzen in die Hand. Etwas verlegen werden sie von den Filipinos herumgeschwenkt: „Bei uns gibt man Wunderkerzen nur den Kindern.“ Viel wünscht sich Justin nicht. Dass alle gesund sind, wenn er im Mai wieder zu Hause ist. Und dass er auch 2012 wieder einen Sieben-Monats-Vertrag erhält. Noch einmal singt er Karaoke. Begeistert angefeuert von Kameraden aus vielen Nationen. Von denen viele jetzt lieber bei ihren Familien wären, und doch die Feier in Hamburg genießen – ihrem Ankerplatz auf Zeit.

Silvester in Hamburg

Hamburg-Infos:www.hamburg.de

Seemannsmission Hamburg-Harburg (Duckdalben):duckdalben.de

Unterkunft: In der Seemannsmission Duckdalben gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit – weder für Seeleute noch für Besucher. Dafür hält aber das Seemannsheim in der Seemannsmission Hamburg-Altona einige Zimmer für Hotelgäste bereit. Das Einzelzimmer mit Dusche/WC/TV kostet 45 €, das Doppelzimmer 70 €. Der direkte Blick auf Elbe und Hafen ist gratis. seemannsmission-altona.org

Die zehn besten Plätze für das Feuerwerk im Hafen: hamburg.de/silvester

Silvester im Hafen und an der Alster: www.hamburger-allee.de/silvester-an-den-landungsbruecken-und-der-alster.html

Silvesterball-Tipp: Silvesterfeiern im „Chocolate Room“ des legendären Hotels Atlantic an der Alster. Alles in diesem Raum ist aus Schokolade – Wände, Tische, Teller, Deko, mittendrin ein Schokobrunnen. Silvesterball ganz nah am Lichtermeer über dem Wasser. www.kempinski.com/hamburg

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2011)