USA: Luxushotel für den atomaren Winter

Greenbrier: Wo der US-Kongress bis vor kurzem im Falle eines Atomkrieges getagt hätte.

SULPHUR SPRINGS. Das "Greenbrier" gehört zu den nobelsten Hotelanlagen der USA. Gepflegte Golfplätze, livrierte Kofferträger, sechs-gängige Abendessen. Doch tief unter der Erde des Luxushotels in White Sulphur Springs im US-Bundesstaat West-Virginia verbirgt sich eines der bis vor wenigen Jahren bestgehüteten Geheimnisse der USA: Der Atomschutzbunker des amerikanischen Kongresses.

"Willkommen im Bunker", sagt Mia Decker. Ihr Ton lässt die einstige Lehrerin erkennen. Jetzt führt sie Touristen durch die langen, hellen Gänge, die bis 1995 die letzte Zufluchtsstätte der amerikanischen Demokratie waren. Hier hätte der Kongress im Falle eines Atomkriegs getagt und ein Volk regiert, das vielleicht gar nicht mehr existierte.

Der Bunker liegt tief unter dem West-Virginia-Wing des "Greenbrier". Der Eingang ist wie in Hollywood-Filmen in einem Wald, war überwuchert mit Pflanzen und umgeben von Wachhäusern und Stacheldraht. Mittlerweile hat man ihn gesäubert, Schilder warnen nun nur noch vor Stufen und engen Durchgängen. Denn mit dem Ende der Sowjetunion hat der Atombunker seine Aufgabe verloren. Als die "Washington Post" 1992 von seiner Existenz berichtete, ließ man das teure Refugium nur allzu bereitwillig auf.

Seither gehört der Bunker dem Hotel, das die Anlage jetzt nach zweijährigem Umbau für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Für 30 Dollar kann man sich das Gruseln holen, das man beim Anblick von 25 Tonnen schweren Stahltüren, zwei Meter dicken Betonwänden und eisernen Stockbetten unweigerlich fühlt.

Die Bauarbeiten für den 11.000 Quadratmeter großen Bunker, der 1100 Menschen Zuflucht geboten hätte, begannen 1958. Zur Tarnung errichtete man über der Erde einen neuen Hotelflügel, während 30 Meter tiefer der Berg ausgehöhlt wurde. Die Wahl fiel nicht etwa wegen des Luxus auf das "Greenbrier", sondern weil die bergige und waldige Landschaft idealen Schutz vor feindlichen Flugzeugen und Satelliten bot. Zudem verbindet eine Bahnlinie und eine Schnellstraße das vier Stunden entfernte Washington mit White Sulphur Springs. Später baute man einen Flughafen, auf dem selbst eine Boeing 747 landen kann.

1961 wäre der Bunker fast zum ersten Mal bezogen worden. Während der Kuba-Krise im Oktober 1962 herrscht "Alarmstufe Rot", wie Mia Decker berichtet. "Man war 16 Stunden davon entfernt, den Kongress hierher zu bringen." Man tat es nicht, und in all den Jahren stand der Bunker nie wieder so knapp vor der Erfüllung seiner Aufgabe. Die nächsten 30 Jahre sorgten 100 zur Geheimhaltung verpflichtete Hotelangestellte dafür, dass ständig genügend Lebensmittel im Bunker waren, die Notstromaggregate funktionierten und die Namensschilder auf den Stockbetten nach jeder Wahl ausgetauscht wurden. 20 getarnte Regierungsangestellte überwachten die Arbeiten.

Heutzutage sieht man nicht mehr viel von der gigantischen Anlage. Durch den 150 Meter langen Eingangstunnel geht es durch die "Waschstraße" (hier hätte man die Eintreffenden von radioaktivem Staub gereinigt) in verschiedene Versorgungsräume. Aus einem früheren Schlafsaal hat man ein Museum gemacht, in dem Waffen, Gasmasken und Poster an eine vergangene Zeit erinnern.

Aus dem unterirdischen Sitzungssaal des Senats und des Repräsentantenhauses hat das Hotel Tagungsräume gemacht. Die meisten der anderen 153 Räume - darunter ein Fernsehstudio und eine Klinik - sind "off limits". Firmen und Regierungsstellen lagern hier wichtige Dokumente und Unterlagen. "Es gibt dafür wohl keinen sichereren Platz", meint Mia Decker.

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