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Lernforscherin: "Nicht alle Kinder können gleich intelligent werden"

Nicht alle Kinder koennen
(c) Clemens Fabry
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Die deutsche Lernforscherin Elsbeth Stern über mehr oder weniger begabte Kinder, die Gesamtschule - und darüber, was sich an der Schule eigentlich ändern muss.

Die Presse: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Lernen macht intelligent“ verfasst. Wie intelligent macht Lernen?

Elsbeth Stern: Man kann seine Intelligenz nur entfalten, wenn man lernt. Und Intelligenz ist schon das Ergebnis von Lernen. Wer nie eine Schule besucht hat, kann nicht die Intelligenz entwickeln, die seine Gene hergeben. Daraus kann man aber nicht schließen, dass alle gleich intelligent werden können.

Wie stark hängen Intelligenz und schulischer Erfolg zusammen?

Es gibt einen mittleren Zusammenhang. Und das finde ich kein gutes Zeichen. Wenn es wirklich guten Unterricht gäbe, bei dem jeder sich entsprechend seinen Potenzialen entwickeln kann, sollten Intelligenz und schulischer Erfolg eng zusammenhängen.

 

Können Kinder, die zu Hause nicht gefördert werden, das in der Schule jemals wieder ausgleichen?

Gute Frühförderung heißt, dass man mit den Kindern spricht, Bilderbücher anschaut, Dinge benennt. Frühförderung braucht jedes Kind und kann in unserer Gesellschaft auch jedes Kind bekommen. Da müssen die Eltern weder reich noch habilitiert sein.

 

Aber motiviert.

Wenn Kinder nicht gefördert werden, ist nicht alles verloren. Aber man muss damit rechnen, dass sie nie ihr Optimum erreichen.

Wie sieht denn gutes Lernen in der Schule aus?

Kinder sollten immer sehen, wozu sie lernen. Nicht in dem Sinne, dass sie das für später brauchen, sondern dass sie die Welt besser verstehen. Wenn man schon früh anfängt mit einer Kultur des stupiden Auswendiglernens, baut man ein schlechtes Verständnis von Lernen auf. Es muss darum gehen, dass Kinder ihre Kompetenz erleben: Sie können etwas erklären, weil sie etwas verstanden haben.

Sie haben einmal gesagt, dass eine gute Schule Leistungsunterschiede auf hohem Niveau produziere ...

Wenn wirklich guter Unterricht angeboten wird, lernen alle Schüler dazu, aber bei anspruchsvollen Aufgaben werden die Unterschiede größer. Das ist aber kein Argument gegen eine Gemeinschaftsschule. Solange Schüler mit weniger guten Voraussetzungen grundlegende Kompetenzen erwerben, spricht nichts gegen große Leistungsunterschiede.

 

Sie sind also dezidiert nicht gegen eine Gesamtschule.

Nein, überhaupt nicht. Ich bin der Meinung, dass wir uns durch das mehrgliedrige Schulsystem überhaupt erst Probleme geschaffen haben. Aber in den deutschsprachigen Ländern werden wir die Probleme nicht los, wenn wir einfach nur das Schulsystem ändern. Was geändert werden muss, ist das Verständnis von Unterricht. Aus der Lernforschung lässt sich nicht ableiten, dass weniger begabte Kinder einen ganz anderen Unterricht brauchen als begabte. Die Lehrer müssen lernen, mit den Unterschieden umzugehen, zum Beispiel indem sie ein breites Angebot an Übungsaufgaben machen.

Wann würden Sie Schüler trennen?

So wie in Finnland im Alter von 15 Jahren. Aber dazu muss man, was die Schul- und Lernkultur angeht, erst einmal soweit sein wie Finnland. Im Moment würde nichts besser werden. In Deutschland hat man immer mal versucht, die Trennung zu verschieben, aber das ist immer danebengegangen. Das verstehe ich: Die begabteren Kinder haben sich schon in der Grundschule gelangweilt, und das wurde noch weiter gezogen. Man hätte die Begabteren bereits in der Grundschule besser fördern müssen.

Hilft es Schülern aus sozial schwachen Familien, gemeinsam mit sozial Starken unterrichtet zu werden?

Diesen Anspruch dürfen wir nicht aufgeben. Wir haben nicht nur bei bildungsfernen Familien ein Problem, auch in sozial stärkeren Familien gibt es weniger intelligente Kinder. Die werden aber sozusagen mit einer Eintrittskarte ins Gymnasium geboren. Später kommen sie aufgrund ihres sozialen Hintergrundes in Positionen, die sie nicht ausfüllen können. Die gesamte Gesellschaft wird Probleme haben, wenn verantwortungsvolle Posten mit Menschen besetzt sind, die nicht die nötige Intelligenz mitbringen. Eine Herausforderung der nächsten Zeit wird sein, die weniger intelligenten Kinder aus höheren sozialen Schichten angemessen zu platzieren.

Zur Person

Elsbeth Stern ist seit 2006 Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich. Einer der Schwerpunkte der empirischen Psychologin aus Deutschland ist die Interaktion zwischen Intelligenz und Wissen. Gemeinsam mit Aljoscha Neubauer verfasste sie im Jahr 2007 das Buch „Lernen macht intelligent: Warum Begabung gefördert werden muss.“ [ETH Zürich]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2012)