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Reizende "Mittsommernachts-Sexkomödie"

(c) Reinhard Werner, Burgtheater
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Matthias Hartmann inszeniert am Burgtheater ein Stück von Woody Allen, das trotz toller Mimen nicht leicht abhebt.

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spiel weiter ...“ So spricht der Herzog in Shakespeares „Was Ihr wollt“, unter Matthias Hartmanns Regie im Burgtheater ein großer Publikumserfolg. Die Leute mögen den Burg-Chef, auch wenn er, wie am Silvester-Abend, schrullige Witze über die Schwierigkeit, Frauen zu verstehen, erzählt. Woody Allens „Mittsommernachts-Sexkomödie“ spinnt das „Was Ihr wollt“-Prinzip weiter: Ein erlesenes Ensemble zeigt unter dem milden Blick des Regisseurs seine Kunst. Das Stück zum Film wurde auch schon anderswo präsentiert – aber nur die Burg hat diese markanten Darsteller.

New Yorker Stadtneurotiker versammeln sich auf dem Landsitz eines Brokers und Hobby-Erfinders mit Namen Andrew. Michael Maertens spielt die Woody-Allen-Rolle und man könnte diesem köstlichen Daniel Düsentrieb stundenlang zuschauen. Schon sein Entree mit einer knallenden Flugmaschine ist spektakulär. Später kämpft er mit Hornissen, einer verflossenen Leidenschaft – und seiner eifersüchtigen Gattin, die zwar nicht mit ihm schläft, aber auch nicht will, dass er es mit einer andern tut. Dorothee Hartinger gewinnt der undankbaren Rolle der grantigen „Eipeldauerin“ Adrian mit Strohhut und Gartenschere eine schier unglaubliche Menge von Facetten ab: von der verklemmten Ehefrau, die immer neue Anläufe nimmt, den Angetrauten wieder an sich heranzulassen – die Blockade entpuppt sich am Schluss als schlichter Schuldkomplex –, bis zum zarten Happy-End.

Martin Schwab spielt den gefeierten Gelehrten Leopold, der sich keineswegs in väterlicher Absicht der rustikalen, jugendlichen Krankenschwester Dulcy, die Süße, (reizend: Liliane Amuat) nähert. Auch Schwab zieht alle Register vom eitlen Wissenschaftler zum alten „Steiger“, den sein Johannistrieb schlussendlich ins Jenseits befördert, wo er als glücklicher Geist auftritt.

 

Bruchlandung ohne Beinbruch

Die großen Verführer sind in dieser Produktion nicht optimal besetzt. Sunnyi Melles als Ariel hat wieder ihre hinreißenden Momente, wenn sie zwitschert, trillert und lacht, aber dazwischen steht sie ratlos herum, als würde sie auf ihren Auftritt warten. Roland Kochs Arzt Maxwell könnte mehr Lässigkeit und Witz vertragen. Dieser Don Juan wirkt viel zu starr und verkrampft. Eine Hauptrolle spielt das Bühnenbild, eine gewaltige Busch-und-Baum-Orgie (Stéphane Laimé).

Mendelssohns „Sommernachtstraum“ bildet wie auch im Film in überwältigendem, aber auch spöttischem Schönklang den Kontrast zu den dramatischen Liebesdissonanzen auf der Bühne. Diese kunstvolle „Mittsommernachts-Sexkomödie“ ist dennoch eine Bruchlandung – ohne Beinbruch. Der Film von Woody Allen aus dem Jahr 1982 blendet zurück ins Jahr 1900. Das war die Stummfilmzeit, eine verklärte Epoche für viele Cineasten, mutmaßlich auch für Allen. Die Filmszenen sind teilweise in den typischen Braunschleier getaucht. Die Idee war wohl, das irrlichternde Sexgewimmel hinter Schleiern zu verbergen.

Auf der riesigen Bühne der Burg ist Tarnen und Täuschen natürlich unmöglich. Dadurch setzt das zarte Gebilde aus Connecticut oder den Hamptons – wo die wohlhabenden New Yorker englischen Landhausstil und englische Gartenkunst pflegen – etwas grob in Wien auf. Kleine Gesten und Blicke wirken vergrößert wie unter der Lupe.

Ein weiterer Makel ist, dass Hartmann bei aller sinnlichen Heiterkeit, die er zu verbreiten versteht, letztlich doch im deutschen Regietheater groß geworden ist und sich schwer tut mit Allens trocken-lakonischem Humor. Da wirkt vieles zu laut und ins Groteske verfremdet, während Allen seine Figuren auf eine leise, beiläufige Weise sprechen lässt, was ihre Tragik und ihre Komik stärker wirken lässt als die mitunter allzu forcierte Bedeutsamkeit, die hier bemüht wird. Auch manche Liebesszenen sind unbeholfen.

Allens Film wurde teils übel verrissen: kein Konzept. Die großartige Mia Farrow, die mit nervöser Nervigkeit Allen-Filme schmückte, erhielt für ihre Ariel gar eine Nominierung zum Anti-Oscar, der Goldenen Himbeere. Das ist schwer verständlich. Die Geschichte enthält eine wahrhaft wundersame Flut von Bezügen, am deutlichsten zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ und zu Ingmar Bergmans „Das Lächeln einer Sommernacht“. Auch Shakespeares „Sturm“ tost in diesem Drama, in dem der weise Prospero ein alter Bock ist, den der Liebestod vor einem Lear-Schicksal bewahrt – und Luftgeist Ariel eine frigide Nymphomanin.

Die geistreichen Dialoge, die das vertrocknete Gelehrten-Milieu aufs Korn nehmen, die Illusionen der Religion, die Verheerungen, die der Existenzkampf im Seelenleben anrichtet: das alles ist punktgenau beobachtet von Allen, aktuell und punktgenau servieren es auch die Schauspieler.

 

Die Laterna Magica enthüllt Peinliches

Von Allen kann sich mancher zeitgenössische Dramatiker und mancher Boulevard-Autor eine Scheibe abschneiden. Insofern ist diese nur scheinbar leichte Kost richtig platziert im Burgtheater-Spielplan. Und einfach schön ist die Aufführung natürlich auch.

Das Staatstheater wuchert mit seinen Talenten, ob die Laterna Magica im Schein eines Feuerwerks peinliche Wahrheiten enthüllt oder sich beim strapaziösen Sex die Bäume biegen. Alte Liebe rostet, doch sogar in einer Rostlaube kann es noch heftig glühen – auch das ist eine Botschaft dieser bittersüßen Komödie. Das Publikum bei der Silvestervorstellung am Samstag schien sich teilweise königlich zu amüsieren, der Schlussapplaus wirkte dafür eher verhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2012)