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Trisomie 21: Das Einmaleins fürs Leben

Trisomie Einmaleins fuers Leben
Symbolbild(c) APA (GERHARD LANGUSCH)
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Eine neue Lernmethode vermittelt Menschen mit Downsyndrom Mathematik. Für die Betroffenen ein Schritt zum selbstbestimmten Leben. Ihnen wurde die Fähigkeit, Rechenkompetenz zu erwerben, bislang abgesprochen.

Hier ist die nächste Aufgabe, Simon: Wie viel sind 48 plus 27?“ Geschäftig beginnt der Elfjährige rote Zehner-Stäbchen und blaue Einser-Würfel zu ordnen. Zugleich zählt er die Zehner- und Einser-Schritte mit den Fingern. Seine Mutter sitzt gegenüber und zählt zur Kontrolle mit. Routiniert rechnet Simon und präsentiert bald mit selbstsicherem Lächeln die Lösung: „75!“ Simon Juranek ist Schüler an der Neuen Mittelschule Völs, nahe Innsbruck, und übt mit seiner Mutter Waltraud Kopfrechnen. Immerhin hat der Elfjährige seinen Ruf als einer der besten Rechner der Klasse zu verteidigen. Und das als sogenanntes „Integrationskind“, denn Simon hat Trisomie 21, besser bekannt als Downsyndrom.

Menschen mit diesem Gendefekt wurde die Fähigkeit, Rechenkompetenz zu erwerben, bislang abgesprochen. Zu Unrecht, wie eine neue, in Leoben entwickelte Methode nun bewiesen hat. Waltraud Juranek, selbst Erziehungswissenschaftlerin, und ihr Sohn Simon arbeiten mit genau dieser Methode, die im Downsyndrom-Zentrum „Leben Lachen Lernen“ des Vereins „Hand in Hand“ ausgearbeitet wurde. Die Leiterin des Zentrums, Bernadette Wieser, hat das neue Rechenlernprogramm mitentwickelt. Wie Juranek ist sie betroffene Mutter. „Ich habe eine 17-jährige Tochter mit Downsyndrom. Bei ihrer Geburt hat man mir erklärt, dass sie keine Chance habe, jemals rechnen zu lernen, weil ihr die Fähigkeit zum logischen Denken fehle“, erzählt Wieser. Ein Vorurteil gegen Menschen mit Trisomie 21, das sich hartnäckig hält. Mittlerweile hat Wieser mit ihrem Team jedoch den viel beachteten Gegenbeweis erbracht.


Ganz normales Leben. Ein Gegenbeweis, der für Menschen mit Downsyndrom wichtig ist. Denn noch immer ist ihr Bild von Vorurteilen und Unwissen geprägt. Tatsächlich hat sich die Lebensqualität für Menschen mit Trisomie 21 in den vergangenen Jahrzehnten enorm verbessert. Dank neuer medizinischer Möglichkeiten und individueller Förderung ist es vielen heute möglich, ein „normales Leben“ zu führen und einen Beruf zu erlernen. Als erster Europäer mit Downsyndrom, der ein Studium absolviert hat, wurde der Spanier Pablo Pineda zur Galionsfigur dieser Entwicklung.

Dem gegenüber steht, dass rund 90Prozent aller Kinder mit Downsyndrom heute gar nicht mehr geboren werden. Seit Einführung der Pränataldiagnostik in den 1980ern und der damit verbundenen Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs nutzen die meisten betroffenen Frauen diese Möglichkeit. In Großbritannien allerdings zeichnete sich 2006 eine Trendumkehr ab. Erstmals seit 1989, als die Pränataltests eingeführt wurden, wies die Geburtenstatistik wieder eine deutliche Zunahme von Neugeborenen mit Trisomie 21 aus. Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass das Wissen der betroffenen Eltern um die deutlich verbesserte Lebensqualität mit Downsyndrom diese Trendumkehr verursacht habe. In Österreich fordern daher Selbsthilfegruppen eine gesetzlich verankerte „Bedenkfrist“ für Eltern, die die Diagnose „Downsyndrom“ für ihr Ungeborenes erhalten.

Die neue Rechenlernmethode aus Leoben leistet einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. 2010 wurde sie in das EU-Grundtvig-Programm „Lifelong Learning“ aufgenommen. Zwei Jahre lang haben unter österreichischer Federführung fünf EU-Staaten die Lernmethode übernommen und eingesetzt. „Allein im Vorjahr wurden in den Teilnehmerländern über 600 Menschen mit Downsyndrom ausgebildet“, erzählt Bernadette Wieser. In nur ein- bis zweitägigen Workshops kann die Methode Eltern und Pädagogen weitervermittelt werden. Und das Basisset mit „Mathe-Box“, Lehrvideo und Praxisbuch kostet nur 150 Euro. Mittlerweile haben auch Frankreich, Ungarn und sogar die USA Interesse bekundet. Wieser und ihr Team arbeiten nun daran, die Lernunterlagen ins Französische und Ungarische zu übersetzen. In Kürze wird zudem ein Buch erscheinen, in dem die Leobener ihre Erfahrungen zusammenfassen. Darin wird von der jüngsten Programmteilnehmerin zu lesen sein, die erst ein Jahr alt war. Und von der ältesten, einer 59-Jährigen: „Diese Frau konnte zeitlebens nur bis drei zählen. Mittlerweile rechnet sie sehr sicher im Zahlenraum 20 und lernt begeistert weiter.“


Finger als Taschenrechner.
Die Lernmethode fußt auf verschiedenen didaktischen Ansätzen. Angefangen von der Körperwahrnehmung geht es über die Raumwahrnehmung bis hin zur Fähigkeit, abstrakte Zahlen zu begreifen. Als Basisinstrument dienen dabei die Hände. Die Schüler lernen, mit ihren zehn Fingern alle vier Grundrechnungsarten zu beherrschen. Das hat den Vorteil, seinen „Taschenrechner“ immer mit dabei zu haben. Waltraud Juranek übt regelmäßig mit ihrem Sohn: „Mathematik ist im Alltag unerlässlich für ein selbstbestimmtes Leben. Egal, ob beim Einkaufen oder in der Schule.“

Im Fall von Simon war der Besuch einer „normalen Volksschule“ anstatt einer Sonderschule ein erster solcher Erfolg. Nun ist Simon Eleve der Neuen Mittelschule, wo er mit seinen Kopfrechenkünsten sogar den vierten Platz beim „Rechenkönig“ geschafft hat.

Rechnen lernen

Eine neue Lernmethode ermöglicht es Eltern und Lehrern, Menschen mit Downsyndrom auf einfache Weise Grundrechnungsarten zu vermitteln. In den vergangenen zwei Jahren wurde sie im Rahmen des EU-Projekts „Yes we can“ aus dem „Grundtvig-Programm für lebenslanges Lernen“ an Pädagogen in fünf Ländern vermittelt.

www.downsyndrom-yeswecan.eu, www.downsyndromzentrum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2012)