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Debattieren: Weltmeisterschaft im Streiten

Debattieren Weltmeisterschaft Streiten
(c) Hamann

Zwei Wiener Studenten nehmen an der Weltmeisterschaft in Manila teil – neben Teams der Elite-Unis Harvard und Oxford. Die besten Argumente zählen.

[Manila] „Fünf Millionen Dollar reichen zum Leben“, findet Rosie Halmi. Mehr noch: Der Staat soll wohlhabende Bürger zwingen, den Rest ihres Vermögens zu spenden. Das ist nicht unbedingt Halmis persönliche Meinung – es ist die, die ihr zugelost wurde. Während ihre Studienkollegen noch Ferien machen, suchen Halmi und ihr Teamkollege Christoph Jäger Streit. Die beiden Studenten sind vergangene Woche zur Weltmeisterschaft im Hochschuldebattieren nach Manila geflogen, wo sie den Debattierklub der WU Wien vertreten.

Rund 1200 Studierende aus aller Welt, darunter Teams der Unis Oxford und Harvard, aus Peking, Katar oder Sydney, ringen in den Räumlichkeiten der De-La-Salle-Universität in der philippinischen Hauptstadt eine Woche lang rhetorisch miteinander. Jeden Morgen bringt eine Polizeieskorte den Rednertross zur Uni. Vertreter der englischsprachigen Unis konkurrieren im Wettbewerb der Muttersprachler, die beiden Wiener Studenten treten in der Kategorie Englisch als Zweitsprache an.

Halmis Redezeit ist vorbei, die Vertreterin der Gegenseite ist am Wort: Vermögende Menschen kämen bei den Österreichern allzu schlecht weg, meint die Studentin aus Südkorea. Christoph Jäger repliziert noch einmal, dann klopft der Juror dreimal aufs Pult – die erste Debatte ist beendet.

Die Position wird ausgelost

Das Debattieren ähnelt einem Ringkampf – die Kniffe sind aber hier nicht die Griffe, sondern die Argumente. Die Position wird ausgelost, ob Pro oder Kontra, kann sich niemand aussuchen. Auf jeder Seite gibt es zwei Teams. Ähnlich einer Koalition müssen sie gemeinsam für ihre Sache streiten – dabei aber gleichzeitig zeigen, dass sie noch überzeugender sein können als die jeweiligen Mitstreiter. Gesprochen wird immer abwechselnd, jeder hat exakt sieben Minuten Redezeit. Eine Jury entscheidet am Ende, welches der vier Teams am besten argumentiert hat – und es geht weiter in Richtung Finale.

Wie kommt man überhaupt zum Debattieren? „Eine Freundin war der Meinung, das könnte mir gefallen, weil ich gern rede“, erzählt Christoph Jäger. Seit einem Jahr fährt er auf internationale Turniere. Seiner Meinung nach profitiert er gleich dreifach davon: Er verbessert sich rhetorisch, er lernt neue Menschen kennen – und fremde Länder. Die Meisterschaft in Manila ist schon seine zweite WM. „Noch spannender als die Debatten sind die Gespräche danach“, meint er. Beim Plaudern mit den Kollegen aus Bangladesch, Kalifornien oder Indonesien bemerke man rasch, wie viele Gemeinsamkeiten man habe. „Weltoffen, aufstehfaul und partyfreudig“, sagt Rosie Halmi mit einem Augenzwinkern.

Während der Wortsport in Österreich langsam wächst, boomt er in Asien regelrecht. So treffen die Österreicher auf viele Chinesen. Diese bekommen teilweise Förderung vom Staat. Obwohl die kommunistische Partei im Land keine politische Opposition duldet, fördert sie das studentische Redenschwingen. Denn: Das Debattieren fördert die Englischkenntnisse der jungen Chinesen.

Übertragung im Fernsehen


Beim großen Finale in Manila sind schlussendlich aber weder die Chinesen noch die Österreicher dabei: An der Spitze der studentischen Redner stehen – ganz klassisch – Vertreter der Elite-Unis Oxford und Stanford, außerdem zwei australische Teams aus Sydney und Melbourne. Rund 1500 Gäste versammeln sich im Kongresszentrum Manilas. Soldaten tragen die Landesflagge auf die Bühne, lokale Politprominenz sitzt auf den ersten Zuschauerreihen. Das Fernsehen überträgt die Finaldebatte – in der sich die Studenten der Monash-Universität in Melbourne gegen ihre Kontrahenten durchsetzen.

Debatten im TV – davon ist der Debattierklub Wien noch weit entfernt. Dafür treffen die leidenschaftlichen Wiener Redner ihre Konkurrenten schon bald wieder: Im März veranstaltet der Klub ein englischsprachiges Turnier.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2012)

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