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Gedankenkontrolle: Wie Parasiten ihre Wirte steuern

(c) Frei
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Wenn Ratten die Nähe von Katzen suchen oder Heuschrecken sich selbstmörderisch ins Wasser stürzen, dann stecken Manipulationen ihrer Gehirne dahinter, zu deren Feinheiten die Forschung langsam vordringt.

Kleine, schleimige Wesen setzen sich unvermerkt auf die Nacken von Menschen und übernehmen die Kontrolle über ihr Denken und Handeln. So steht es in einem Science-Fiction-Roman aus den 50er-Jahren von Robert Heinlein („The Puppet Masters“). Der war glühender Antikommunist und wollte vor dem Einträufeln sowjetischer Propaganda in US-Gehirne warnen. Seine Schleimwesen waren Metaphern, bei Menschen gibt es solche Manipulationen wohl nicht.

Aber wer weiß, ansonst sind sie häufig: Viele Parasiten steuern ihre Wirte mit feinsten Finessen – in den Tod. Da suchen Ratten die Nähe von Katzen, da stürzen sich Heuschrecken ins Wasser, da verlieren Raupen den Appetit. Letzteres kommt daher, dass in ihnen Parasiten sind, Wespen. Ein Weibchen hat die Eier hineingelegt, die Larven sind geschlüpft und haben vom Wirt gefressen. Aber er lebt noch. Dann haben sich die Larven aus ihm hinausgefressen – und sich in der Nähe an einen Halm geklebt –, aber sie haben etwas hinterlassen, Octopamin, das ist ein Botenstoff, der den Hunger lähmt. Deshalb frisst die Raupe nicht mehr, auch nicht ihre Peiniger, im Gegenteil, sie schützt sie, die Reflexe funktionieren noch, sie schlägt mit dem Kopf um sich, wenn Raupenräuber drohen (The Scientist, 1.1.).

 

Gezielter Stich ins Gehirn

Die Geschichte ist im Grundsatz bekannt, aber dass Octopamin mitspielt, ist neu. Und auch anderswo dringen Forscher in die Feinheiten der Wirtsmanipulation ein, etwa bei einer Wespe, die es auf Kakerlaken abgesehen hat. Die erhalten zwei präzise Stiche, erst einen in den Nacken, er lähmt die vordere Körperhälfte. Und dann einen in das Gehirn, er sorgt dafür, dass die Kakerlaken sich von den Wespen an den Antennen führen lassen wie Hunde von ihren Herren an der Leine. Die Wespen führen ihre Beute an einen geschützten Ort, legen sie ab und ein Ei darauf, das Opfer wird Lebendfutter.

Diesmal geht es neben Chemie um Feinmechanik, der zweite Stich zielt auf ein Bewegungszentrum im Kakerlakenhirn. Entfernt man dieses Zentrum – Frederic Libersat (Jerusalem) hat es getan –, sucht die Wespe lange danach, offenbar hat sie Mechanorezeptoren im Stachel (PLoS One, 5, e10019).

Wieder anders werden Heuschrecken ins für sie tödliche Wasser getrieben, wenn sie einen Parasiten haben, der hinein muss. Lange vermutete man, dass er den Wirt „durstig“ macht, aber er macht Durst auf Licht, verwirrt die Orientierung. Bei blinden Heuschrecken funktioniert es nicht, Frédéric Thomas (Montpellier) hat es gezeigt. Sehende hingegen suchen im finsteren Wald das Licht, am hellsten glänzen nächtens Wasserflächen.

Bleibt der große Schrecken, Toxoplasma, ein Parasit, der Ratten ihre größte Furcht vergessen lässt, die vor Katzenurin, sie suchen ihn nun, mit Lust: Der Parasit – er muss für sein nächstes Stadium in den Katzenmagen – manipuliert ein Gehirnzentrum für Reproduktion mit einem Neurotransmitter, Dopamin. Das ist auch in unseren Gehirnen, und Toxoplasma haben auch viele von uns, 20 bis 40 Prozent. „Da muss man sich schon fragen, was das für Auswirkungen auf das Verhalten hat“, schließt Shelley Adamo, Halifax.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2012)