Das deutsche BIP ging im vierten Quartal um 0,25 Prozent zurück. Es ist der erste Rückgang seit dem Jahresstart 2009, dem Höhepunkt der Finanzkrise. Hoffnungen weckt paradoxerweise die Schuldenkrise selbst.
Berlin/Gau. Eigentlich müssten in Deutschland die Sektkorken knallen: Die Wirtschaft ist im Vorjahr um stolze drei Prozent gewachsen. Zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren steht ein Dreier vor dem Komma. Das haben nur wenige Ökonomen zu Beginn 2011 erwartet. Es zeigt, wie robust Europas größte Volkswirtschaft bleibt. Zudem sind die Ursachen des Erfolgs heute besser gestreut. Er liegt nicht mehr nur an den Exporten. Auch der private Konsum ist so kräftig gestiegen wie seit fünf Jahren nicht. Die Regierung musste gar nicht sparen, um das Defizit von 3,4 auf ein Prozent des BIPs zu drücken. Im Umfeld der hoch defizitären Nachbarn steht sie damit schon als Musterschüler da.
Aber die Korken bleiben in den Flaschenhälsen stecken. Denn im vierten Quartal fiel die Wirtschaftsleistung um ein Viertelprozent gegenüber dem Vorquartal zurück. Es ist der erste Rückgang seit dem Jahresstart 2009, dem Höhepunkt der Finanzkrise. Wie lange wird die Durststrecke dauern? Sicher noch das erste Vierteljahr, das ergibt sich aus den Einbrüchen bei den Aufträgen in den letzten Monaten. Damit liegt, technisch gesehen, eine Rezession vor. Einige erwarten auch für das zweite Quartal noch einen Rückgang. Selbst bei einer Erholung im zweiten Halbjahr geht sich so nur noch ein Jahreswachstum von etwa einem halben Prozentpunkt aus. Dass es zu einer Erholung kommt, setzt eine Lösungsperspektive für die Euro-Schuldenkrise voraus.
Gute Stimmung in den Firmen
Diese vage Erwartung wird immerhin durch einen Indikator gestützt: Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist zuletzt zweimal in Folge gestiegen, ein Zeichen dafür, dass sich die Stimmung in den Betrieben stabilisiert. Hoffnungen weckt paradoxerweise auch die Schuldenkrise selbst. Sie kann nämlich für eine starke Volkswirtschaft, in der der Optimismus standhält, auch Vorteile bringen. Die sinkenden Zinsen erlauben es Unternehmen, mehr zu investieren. Private Haushalte werden angesichts der mehr als mageren Sparzinsen ihr Geld für größere Anschaffungen einsetzen. Die Inflation soll auf 1,5Prozent zurückgehen. Das stärkt die Kaufkraft, was ebenfalls dem Konsum zugutekommt. Der zuletzt doch deutlich sinkende Eurokurs macht es wiederum den Überseeexporteuren leichter. Zudem fließt in Krisenzeiten das Kapital deutscher Investoren aus Euro-Peripheriestaaten oder Schwellenländern zurück in die Heimat. Und schließlich kann man sich die tüchtigsten Südeuropäer aussuchen, die angesichts der miserablen Lage zu Hause auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen.
Das alles wird nichts nützen, wenn sich die Finanzierungssituation der Regierungen und Banken in der Eurozone verschärft. Ob es dazu kommt, weiß heute kein Ökonom, wie Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer eingesteht: „Keiner von uns hat schon einmal eine Staatsschuldenkrise erlebt. Da haben wir keine historischen Erfahrungen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2012)