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"Die Moslembrüder sind eine totalitäre Bewegung"

Moslembrueder sind eine totalitaere
Symbolbild(c) REUTERS (AMR ABDALLAH DALSH)
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Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi glaubt nicht, dass Ägyptens siegreiche Islamisten Kompromisse eingehen werden. In Tunesien sieht er bessere Voraussetzungen für eine Demokratisierung.

Wie sieht Ihr Resümee des sogenannten arabischen Frühlings aus?

Bassam Tibi: Parallel zum Zerfall des Kommunismus schwappte ab Ende der achtziger Jahre eine Welle der Demokratisierung über die ganze Welt. Aber die arabischen Regime erwiesen sich dagegen resistent. Mit ihnen blieb ein Stück des Kalten Krieges erhalten. Vor einem Jahr wurde das aber durchbrochen. Der Sturz des tunesischen Machthabers Ben Ali hatte einen Demonstrationseffekt für die gesamte Region. Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Zebrastreifen und die Ampel ist rot. Alle bleiben stehen, aber sobald einer beginnt, rüberzugehen, kommen die anderen nach.

Sehen Sie den arabischen Frühling also als Erfolg?

In der arabischen Welt wurde ein Wandel angestoßen, der viele Hoffnungen geweckt hat. Und von Jänner bis Februar hat es tatsächlich so ausgesehen, als würde es eine Demokratisierung geben. Aber die Voraussetzungen dafür fehlen. Demokratie bedeutet nicht nur Wahlen. Demokratie erfordert wirtschaftliche, kulturelle und institutionelle Voraussetzungen. Demokratie bedeutet, dem anderen das Recht einzuräumen, anders zu denken. Wir sehen es im Irak: Das System von Saddam Hussein ist mit Hilfe der Amerikaner zusammengebrochen. Aber die Iraker bringen einander um, weil sie nicht gelernt haben, mit Differenzen zu leben. Seit dem Abzug der US-Truppen entsteht unter Premier Maliki eine schiitische Diktatur über die sunnitische Minderheit.

Aber in Tunesien scheint diese Demokratisierung doch bisher funktioniert zu haben.

Tunesien ist das arabische Land mit dem höchsten Grad einer Zivilgesellschaft, hier gibt es eine breite intellektuelle Schicht. Ich habe den Chef von Tunesiens islamistischer Ennahda-Partei, Rashid al-Ghannouchi, in Kopenhagen kennengelernt. Er war für einen Islamisten sehr sanft. In Tunesien werden sich die Islamisten auf Kompromisse einstellen und nicht draufgängerisch gegen die anderen vorgehen. Die Muslimbruderschaft in Ägypten wird das nicht tun.

Warum?

Für mich sind die Muslimbrüder eine totalitäre und keine demokratische Bewegung. Bei den Muslimbrüdern gibt es zehn Stufen der Mitgliedschaft: Zu Beginn hat man nur den Status eines Sympathisanten. Bis man in die höchste Stufe kommt, braucht man fünf bis sechs Jahre. Solange wird der Gehorsam überprüft.

Aber viele Ägypter haben bei den Wahlen für die Muslimbruderschaft gestimmt. Sie scheint in der Bevölkerung stark verankert.

Die demokratisch liberalen Kräfte waren nicht gut genug organisiert. In der gesamten Region sind die Islamisten die einzige politische Kraft, die über eine gute Organisation verfügen. Sie hatten mit einer derartigen Sorgfalt im Untergrund gearbeitet, dass die Geheimdiente ihre Gruppierungen kaum unterwandern konnten. Bei säkularen Oppositionsgruppen war das anders. Die Islamisten bauten auch in Europa Netzwerke auf, die der islamistischen Opposition in den arabischen Ländern halfen. In Ägypten haben sich die Islamisten während des Aufstandes gegen das Regime sehr geschickt verhalten. Sie haben mit Mubaraks Geheimdienst ein Stillhalteabkommen geschlossen. Erst als Mubaraks Apparat zu zerbröckeln begannen, sind sie zu den Demonstranten auf den Tahrir-Platz gegangen. Und jetzt dominieren sie.

Viele Ägypter scheinen sich aber von den Muslimbrüdern eine Lösung für ihre Probleme zu erwarten. Die Muslimbrüder waren auch immer bei Hilfe für sozial Schwache sehr aktiv.

Neben ihrer organisatorischen Stärke im Untergrund verfügen Islamisten über großartige Fähigkeiten mit religiösen Slogans zu mobilisieren. In allen arabischen Ländern wächst die Bevölkerung rasch, nicht aber die Wirtschaft. Dadurch entsteht eine ernsthafte Krise. Und dann gibt es noch eine politische Krise: Es gilt, Demokratie aufzubauen. Die Islamisten sagen: Der Islam ist die Lösung für die wirtschaftliche, die politische und die Bevölkerungskrise. Aber der Islam ist eine Religion. Ich bin selbst gläubiger Muslim. Sie müssen im Islam an Gott glauben, fünf Mal am Tag beten, im Ramadan fasten, Armensteuer bezahlen und wenn sie es sich leisten können, nach Mekka pilgern. Wie kann man aber damit all diese Probleme lösen? Die Islamisten sagen: Der Scharia-Staat ist die Lösung. Aber Scharia - wie sie die Islamisten verstehen - ist ein Katalog von Verboten. Wie können sie damit moderne Wirtschaftspolitik machen? Wenn die Islamisten an die Macht kommen und die Scharia praktizieren, so wie sie sie vertreten, werden sie keine Lösungen für die Probleme dieser Länder finden.

Welche geostrategischen Auswirkungen haben diese Umbrüche auf Staaten wie die Türkei und Israel?

Israel bezahlt einen hohen Preis, denn ein Grundmuster des Islamismus ist neben dem Scharia-Staat der Antisemitismus. Wenn in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht kommen, werden sie als erstes das Camp-David-Friedensabkommen mit Israel annullieren. Der Gewinner ist die Türkei, denn sie ist das einzige wirtschaftlich und politisch stabile Land im Nahen Osten. Der erste Regierungschef, der nach den Umbrüchen Tunesien, Ägypten und Libyen besucht hat, war der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan. Er hat ganz offen den Führungsanspruch der Türkei klar gemacht. Aber Ägyptens Muslimbrüder haben widersprochen. Sie kooperieren zwar, aber so weit geht die Liebe nicht. Erdoğan hat in Kairo gesagt: Unsere Partei ist eine islamisch konservative Partei, aber Islam und Politik sollen getrennt werden. Auch das hat den Muslimbrüdern nicht gefallen.

Wie sieht Ihre Prognose für das begonnene Jahr aus?

Ich glaube nicht, dass die Umbrüche in der arabischen Welt einen Übergang zur Demokratie bringen werden. Es wird einen hohen Grad an Unsicherheit geben. Und die Islamisten werden versuchen, in das Ganze ihre Vision von Stabilität hineinzubringen. Der Trend ist, dass die bisherigen autoritären Regimes durch einen Scharia-Staat abgelöst werden. Die neue Scharia-Ordnung ist jedoch noch autoritärer gestaltet, so dass von einer Demokratisierung nicht die Rede sein kann.

Zur Person

Bassam Tibi (*1944 in Damaskus) ist ein renommierter, 2009 emeritierter Islamwissenschaftler. Zuletzt lehrte er an der Universität Göttingen. Tibi hatte Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften in Frankfurt studiert, u. a. bei Habermas und Adorno. Er schrieb bisher 28 Bücher in deutscher Sprache, zuletzt „Euro-Islam. Die Lösung eines Zivilisationskonflikts." [ Mirjam Reither ]