EU-Energiewende: Grüner Traum, graue Realität

m graue
m graue(c) EPA (KRISTOF VAN ACCOM)
  • Drucken

Dänemark will den EU-Vorsitz nutzen, um sich als Ökomusterland zu präsentierten. Doch just der Vorzeigekonzern Vestas verpatzt der Regierung mit mehr als 2000 Kündigungen die sorgsam geplante Jubelschau.

Kopenhagen. Grün, grün, grün: Dänische Politiker werden dieser Tage nicht müde, das wichtigste Thema der sechsmonatigen EU-Ratspräsidentschaft zu predigen. Europa solle seine Energiewirtschaft nachhaltig umbauen – ganz nach dem Vorbild Dänemarks. Seit dem Jahr 1980 wuchs dessen Wirtschaftsleistung um 78Prozent, bei gleichem Energieverbrauch und sinkendem Ausstoß von Kohlendioxid. Besonders enthusiastisch ist der neue Minister für Klima, Energie und Bauten Martin Lidegaard: „Mit den richtigen Investitionen können zwei Millionen Arbeitsplätze in der EU geschaffen werden“, jubelte er am Dienstag bei einem Gespräch mit EU-Korrespondenten im Avedøre-Kraftwerk, der weltgrößten Biomasseanlage 20Minuten außerhalb Kopenhagens.

Währenddessen aber braute sich in der Konzernzentrale von Vestas – einem der größten Hersteller von Windrädern und Dänemarks Vorzeige-Ökokonzern – eine schlechte Nachricht zusammen: Bis Ende 2012 wird Vestas 2335 Arbeitnehmer kündigen. Das ist mehr als jeder zehnte. Sollte eine US-Steuerbegünstigung für die Herstellung grüner Energieanlagen wie geplant auslaufen, werden weitere 1600 Vestas-Arbeitnehmer in den USA ihre Jobs verlieren.

„Das ist eine sehr, sehr traurige Nachricht“, sagte Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt am Donnerstag. „Es ist aber noch immer meine Hoffnung und mein Glaube, dass wir in grüne Technologie investieren müssen.“

Eigennutz mit grünem Mascherl

Dieses grüne Bekenntnis der sozialdemokratischen Regierungschefin ist allerdings nicht allein der Einsicht geschuldet, dass fossile Brennstoffe irgendwann zur Neige gehen und bis dahin das Klima anheizen. Dänemark hat ein kommerzielles Interesse daran, dass die EU erneuerbare Energieträger und Energieeffizienz fördert. Im Jahr 2010 exportierte Dänemark Energietechnologie im Wert von 52,2Milliarden Kronen (sieben Milliarden Euro). Das waren 9,5 Prozent der gesamten Warenexporte, lässt sich auf der Website von „State of Green“ lesen. „State of Green“ ist die Marke, mit der sich Dänemark als grünes Land verkauft. Finanziert wird das von Konzernen wie Vestas, Danfoss oder Dong Energy, welcher das Avedøre-Kraftwerk betreibt und die Veranstaltung mit Minister Lidegaard organisiert hat. Ein nicht unproblematisches Naheverhältnis zwischen Unternehmen und Politik: Man stelle sich nur vor, der nächste deutsche EU-Ratsvorsitz ließe sich vom Energieriesen RWE so ein Event sponsern.

Die dänische Ökoindustrie jedenfalls ist sich ihrer Mission sicher: „Wir können auf den Wagen aufspringen“, sagte Danfoss-Chef Niels Christiansen. „Oder wir können den Chinesen den Markt überlassen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.