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Schon wieder Larssons „Verblendung“

(c) AP (Gero Breloer)
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David Finchers Hollywood-Version von Stieg Larssons Erfolgsbuch bietet mehr Kinostimmung als die schwedische Erstverfilmung. Aber ein Problem bleibt, die Vorlage. Zu sehen im Kino.

Nur knapp zwei Jahre hat es bis zum Remake aus Hollywood gedauert, aber das hat Tradition: Bei raschen Neuauflagen europäischer Erfolgsstoffe war man dort nie zimperlich: Als MGM 1944 das Thriller-Stück „Gaslicht“ mit Ingrid Bergman herausbrachte, versuchte die Firma alle Kopien der nur vier Jahre zurückliegende britischen Originalversion zu vernichten. Das ist „Verblendung“ (2009), der schwedischen Kinoadaption des ersten Teils von Stieg Larssons extrem erfolgreicher „Millennium-Trilogie“, nicht passiert: Aber die aktuelle Neuverfilmung gleichen Titels will die ursprüngliche Version zumindest mit Traumfabrik-Professionalität und Werbemacht beim Publikum ausstechen: Wirkte das Original oft eher wie ein überlanger Fernsehfilm, so sorgt nun der versierte Regisseur David Fincher für Kinostimmung – allerdings auch in Überlänge.

Designierter Star ist der amtierende 007 Daniel Craig, der hier mit stählerner Entschlossenheit der klassischen Krimi-Klischeefigur des verwundeten Helden Statur gibt: Reporter Mikael Blomkvist, dessen Karriere nach einem gescheiterten Aufdeckerbericht in Trümmern liegt. Der Vorspann scheint Craigs Bond-Image Tribut zu zollen: Zur Cover-Version von Led Zeppelins treibendem „Immigrant Song“ gibt es eine Art Latex-Fetisch-Modernisierung des typischen 007-Vorspanns. Journalist Blomkvist spielt aber bekannterweise nur die zweite Geige: Die wahre Heldin ist seine Helferin Lisbeth Salander, eine begnadete Hackerin mit asozialen Tendenzen und entsprechendem Punk-Piercing-Aussehen, die dem Film auch seinen Originaltitel gibt: „The Girl With the Dragon Tattoo“. Rooney Mara spielt sie als verletzten Racheengel mit grazilem Audrey-Hepburn-Körper und oft misstrauisch gesenktem Blick: ein Gegenstück zur burschikosen Verkörperung durch Noomi Rapace im schwedischen Film. Mara überzeugt als Triebfeder von Finchers Version, auch wenn eigentlich Lady Gaga die Rolle hätte spielen müssen, um dem Popkultur-Potenzial der Figur gerecht zu werden.

Zähigkeit durch den Zwang zur Werktreue

Ohnehin hat Fincher ein ganz anderes Problem: die Vorlage. Auf dem Papier wirkt der Regisseur überqualifiziert für den Stoff – wie eine Fusion seines Serienkiller-Faibles („Seven“, „Zodiac“) mit dem Computer-Nerd-Thema seines Films „The Social Network“ über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (den eine von Mara gespielte Studentin zum Einstieg memorabel beschimpft). Ein paar Freiheiten hat man sich genommen, aber der Zwang zur Werktreue – Millionen von Larsson-Fans dürfen nicht enttäuscht werden – sorgt für zähe Entwicklung trotz Finchers Talent für protokollarische, dabei geschmeidig vorangleitende Erzählung. Schweden ist hier ein digitale Frostzone voller dunkler Geheimnisse: Ein Oligarch (Christoper Plummer) engagiert Blomkvist, um einen Mord aufzuklären. Die Spuren führen bis in die Zeit der Nazi-Kollaboration. Anderswo schlägt indes Salander zurück und vergilt in der Schlüsselszene des Films die anale Vergewaltigung durch ihren legalen Vormund mit Gleichem.

Larssons Erfolgsgeheimnis ist die feministisch-anarchistische Verbrämung handelsüblicher Rachefantasien, die gegen ein (frauen)mörderisches, faschistisch geerdetes Establishment gewendet werden. Fincher spielt das herunter, seine stromlinienförmige Adaption offenbart dafür die krude Konstruktion des Krimis: Erst fast zur Filmhälfte trifft Blomkvist auf Selander, kommen die Ermittlungen in die Gänge. Dann gibt es technische Kabinettstückerln wie das Arrangement alter Fotos zum Beweismittel-Film. Aber erst nach über zweieinhalb Stunden sind alle drei Enden auserzählt: Da bleibt weniger das Gefühl, in Abgründe geblickt zu haben als des Rundgangs durch einen fachmännisch entworfenen, schicken Schauer-Themenpark.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2012)

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