Kulturhauptstadt Europas: Maribor schaltet das große Lichtspiel ein

(c) Kulturhaupstadt

Für das Jahr 2012 sind im Osten Sloweniens tausende Events geplant. Fantasie ist gefragt, Nachhaltigkeit bisher allerdings nur ein Wunsch: Es muss gespart werden. Deshalb wurden größere Bauprojekte abgesagt.

Wenigstens das Wetter hat es gut gemeint mit Maribor, der Stadt im Nordosten Sloweniens, die am Wochenende mitten in der Wirtschaftskrise ihre Eröffnungsfeiern als Kulturhauptstadt Europas begeht: Mit rosigem Sonnenaufgang und zarten Wolken beginnt ein milder Wintertag – das sind gute Bedingungen für Feierstimmung.

Der Stadtteil Lent am Ufer der Drau, nach dem auch ein Theater- und Konzertfestival im Juli benannt wird, war am Vorabend gut besucht und ist es auch am Morgen wieder. In der Fußgängerzone im Zentrum wird am Freitag noch gehämmert, an einer großen Tribüne, an Schienen mit Scheinwerfern. Über den Straßen hängt noch Weihnachtsbeleuchtung, als kleine Ergänzung zur Show am Samstag. Die Innenstadt soll mit einem Wall aus Licht umgeben werden, entlang einstiger Festungsmauern. Eine alte Burg in der Defensive. Das passt zu dieser einst wehrhaften Stadt an der Drau und fügt zusammen, was ohne günstiges Licht vielleicht ein bisschen disparat wirkt.

Marburg war unter den Habsburgern die größte Stadt der Untersteiermark, ein Knotenpunkt von Handelswegen, Maribor ist mit gut 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Gemeinde Sloweniens. In der Innenstadt am Nordufer der Drau kann man das Erbe der Habsburger noch erahnen, Barockes ist durchmischt mit Bausünden aus der Ära Jugoslawiens. Breite Straßen, die Titova und die Partizanska cesta, durchpflügen das Zentrum. Auf der Südseite der Drau ist ein riesiges Shoppingcenter hochgezogen worden, mit seltsamen Türmen und Pyramiden aus Glas auf dem Dach: „Europark“. Hier wurde die Methode kommunistischen Klotzens mit EU-Mitteln unerbittlich fortgesetzt.

Ein Placebo und Charaden

Weiter draußen, in den Satellitenstädten, zeigen sich die Probleme noch deutlicher. Unter den Kommunisten war schwer industrialisiert worden, zehntausende Menschen wurden beschäftigt mit der Produktion von Lastwagen und Bussen, mit Metallverarbeitung. 1991 brach der Markt weg. Die Folgen sind bis heute zu sehen, trotz der Anstrengungen im Maschinenbau, der Textilindustrie und der Bauwirtschaft hat man Mühe, konkurrenzfähig zu bleiben. Im Vergleich zur Hauptstadt Laibach hinkt Maribor nach.

„Wir hätten schon gedacht, dass uns dieses Jahr Sinnvolles an Infrastruktur bringt“, sagt ein Theaterbesucher in der Union-Halle, der anonym bleiben möchte, „aber die versprochenen Bauten wird es nicht geben.“ An diesem Abend beschäftigt sich Karmina Silec mit Pergolesis „Stabat Mater“, mit Chor, Schauspielern und Orchester aus der Stadt. Das Werk wird von Carmina Slovenica ambitioniert zerlegt, mit Modernem vom Philosophen Jacques Derrida bis zum Sänger Tom Waits vermischt, neu zusammengesetzt. Es entstehen bei diesem „Placebo“ intensive Bilder, Charaden alter Meister. Das große Team ist mit Elan bei der Sache, tanzend, rezitierend, singend, posierend. Offenbar gewollt nicht perfekt in der Ausführung, aber durchaus eindrucksvoll im Ideenreichtum. Das könnte bereits typisch für dieses Jahr sein. Maribor improvisiert. Und macht aus bescheidenen Mitteln das Beste.

Mit sechs Bürgermeistern hart verhandeln

„So ein Großprojekt ist hochkomplex“, sagt Generaldirektorin Suzana ?ilić Fiser im Gespräch mit der „Presse“. Keine Stadt weiß im Voraus, auf was sie sich da einlässt. „Gemeinsam ist ihnen nur, dass alle Probleme haben.“ Dabei gehe es nicht nur um Geld. „Das Wichtigste ist es, dass man das Potenzial einer Stadt weckt, dass man Synergien herstellt. Mit sechs Bürgermeistern zu verhandeln, ist harte Arbeit. Ich bin jetzt stolz, dass es eine gemeinsame Sache geworden ist.“ Noch lieber wäre ihr aber ein weiterer Erfolg: „Wir haben eine Akademie der Künste an der Universität initiiert. Es wäre schön, wenn diese Institution auch nach 2012 fortbesteht“, sagt die Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft.
Nachhaltigkeit ist aber das eigentliche Problem dieses Jubeljahres. In den Fabrikhallen der TAM-Werke war ein Kulturzentrum geplant. Abgesagt. Es wird eisern gespart, vor allem, wenn man die Kosten mit jenen anderer Kulturhauptstädte vergleicht. 60 Millionen Euro hat allein Linz 2009 in Events und Neubauten investiert, bis zu 50 Millionen Euro wollte auch Maribor 2012 ausgeben. Doch dann verstärkte sich die Krise. Nun ist für das Kulturhauptstadtjahr nicht einmal mehr die Hälfte budgetiert. Zum Vergleich: Das portugiesische Städtchen Guimarães, das heuer ebenfalls Kulturhauptstadt ist, gibt dafür 118 Mio. Euro aus. Mehr als die Hälfte davon soll die Infrastruktur dieser verarmten Stadt verbessern.
Die Veranstalter in Maribor machen aus den Sachzwängen eine Tugend. Lokale Künstler werden eingebunden in ein Programm mit internationalem Anstrich, mit Gastspielen großer Theater aus Paris und Moskau zum Beispiel: Das Odeon und das Bolschoi sind angesagt. Zudem treten Mario Vargas Llosa, Jan Fabre und Rebecca Horn auf. Der Schriftsteller Aleš ?teger, der für das Prestigeprojekt „Terminal 12“ verantwortlich ist, will „jeden Monat eine überragende Persönlichkeit nach Maribor einladen“.

Schachgenie Garry Kasparow wird kommen, und auch der Dichter Charles Simic. Das Leitmotiv für ?teger: „Zukunft. Darüber sollen diese Gäste, sollen wir alle nachdenken. In diese Richtung denken wir uns auch ein Architekturprojekt, das sich mit langfristiger Städteplanung befasst.“ Für multiples Flair soll zudem sorgen, dass monatlich ein bis zwei Gastländer kulturelle Schwerpunkte setzen. Im Jänner sind Estland und Finnland dran. Übers Jahr werden mehr als eine Million Gäste erwartet, man wirbt mit der lieblichen Gegend an der Grenze, die sich mit der Toskana vergleichen kann, den Thermen, den Skiregionen. Und mit Alkohol. Von der Stadt gehen praktisch in alle Richtungen Weinstraßen aus. Angeblich wächst hier, wie man auch im neuen Weinmuseum erfährt, die älteste Rebe der Welt auf einem mehr als vierhundert Jahre alten Weinstock an einer braven Hauswand: „Modra kavčina“, der Blaue Köllner, wird als Kulturerbe geführt.

Partnerstädte im slowenischen Umland

Fünf weitere Städte machen beim EU-Projekt mit: Novo mesto, das bereits in der Hallstatt-Zeit besiedelt war, Ptuj/Pettau, die einstige Konkurrentin Marburgs und älteste Stadt Sloweniens, die für ihre Maskenumzüge berühmt ist, Slovenj Gradec, der Geburtsort des Komponisten Hugo Wolf, Murska Sobota mit ihrer lebhaften Galerienszene und einem arrivierten Tanzfestival, sowie Velenje – diese Industriestadt hat ein Festival für Pippi Langstrumpf erfunden.

Am Anfang aber gehört allein Maribor die Bühne. Am Sonntag gibt es große Oper: „Schwarze Masken“ von Marij Kogoj, einem Schüler von Schönberg. Nach dieser Eröffnung beginnt der Alltagswahnsinn. Angst vor der Routine? Suzana ?ilić Fiser gibt sich tapfer: „Wir sind derzeit euphorisch.“ Und auch Aleš ?teger strahlt Zuversicht aus: „Wir haben eine breite Schicht mobilisieren können. Viele Projekte werden weiter bestehen, werden wachsen. Zum Beispiel eine Saatenbank mit autochtonen Pflanzen, die von Ökobauern betreut wird. Und wir schaffen ein Literaturhaus. Auch das wird bleiben.“

Auf einen Blick

Kulturhauptstädte Europas bzw. Kulturstädte Europas gibt es seit 1985. Die damalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri machte den Vorschlag, jedes Jahr eine Stadt und ihre kulturellen Eigenheiten vorzustellen, um so den Reichtum und die Vielfalt der Kultur Europas zu demonstrieren. Bisher trugen unter anderem Athen, Florenz, Paris, Berlin, Madrid, Weimar und Helsinki den Titel, in Österreich waren Graz (2003) und Linz (2009) schon Kulturhauptstädte. 2013 sind Marseille und Košice an der Reihe.