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Internationaler Nationalismus

Heribert Schiedels Analyse des Rechtsextremismus in Europa.

Europa wird zum Kampfbegriff. Zumindest bei jenen, die die Europäische Union nicht als die Antithese zu Auschwitz sehen wollen, als die sie gegründet wurde. Sondern als Wiege des „christlichen Abendlandes“, das es zu verteidigen gelte. Gegen „den Islam“, gegen „die Juden“ und gegen „die Amerikanisierung“. Europa rückt nach rechts – in Worten wie in Taten. Das ist die zentrale Aussage von Heribert Schiedels neuem Buch.

Die legalen Rechtsparteien radikalisieren sich, indem sie mit Worten aufrüsten. Der rechtsterroristische Untergrund, der sich so zur Tat legitimiert fühlt, tut es ganz konkret. Es komme ihm vor, als habe er das krude Bekenner-Manifest des Anders Breivik tausendfach in Händen gehabt – lange vor dem Anschlag. Sagt Heribert Schiedel. Die Tat war nicht konkret, aber ideologisch vorbereitet, in den Schriften europäischer Rechtsextremisten. Diese Texte füllen tausende Seiten, vor allem im Internet. Und sie strotzen vor antimuslimischem Rassismus, vor Antisemitismus, Dekadenz und Gewalt.

Schiedel legt faktenreich dar, wie antimuslimischer Rassismus und Antisemitismus in den letzten Jahren europaweit normalisiert wurden, wie Fremdenfeindlichkeit zur zulässigen Meinung unter vielen wurde. Nicht zuletzt durch verbale Bodenbereiter vom Schlage eines Thilo Sarrazin. Begriffe wie „Islamisierung“ haben sich längst ihrer Anführungszeichen entledigt und als vermeintlich neutrale Begriffe Eingang in die Berichterstattung gefunden.


Die „Verösterreicherung“ der EU

Der EU-weite Rechtsruck hat laut Schiedel auch mit der Regierungsbeteilung der FPÖ im Jahr 2000 zu tun: Seit damals seien extrem rechte Positionen innerhalb der EU normaler geworden. Was vor der ÖVP-FPÖ-Koalition in der EU als skandalös, weil rassistisch, galt, das ist mittlerweile fast schon europäischer Mainstream. Warum wird heute gegenüber Ungarn nicht so reagiert wie damals gegen Österreich – angesichts eines demokratiegefährdenden Mediengesetzes und einer Verfassung, die ein nationales Glaubensbekenntnis kennt? Weil die EU „verösterreichert“ ist, so Schiedel.

Der Rechtsextremismus sei in der Mitte angekommen, Faschismus und Nazismus in vielen Ländern Europas zumindest teilweise rehabilitiert. Dabei könnte das vereinte Europa rechtsextreme Parteien ja eigentlich in ein Dilemma bringen: Wenn sie sich auf EU-Ebene zusammentun wollen, steht der eigene Nationalismus im Weg. Gemeinsame Feindbilder wie „der Islam“ oder „das Judentum“ wirken für Rechtsextremisten aber so verbindend, dass sie den jeweiligen Nationalismus überlagern. So gelinge die Internationale der Nationalisten.

Heribert Schiedel hat er ein erhellendes Buch über das Erstarken des Rechtsextremismus in Europa geschrieben. Kenntnisreich schildert er die personellen und inhaltlichen Vernetzungen. Er macht deutlich, wie deckungsgleich die Positionen erfolgreicher Rechtsparteien und neonazistischer oder neofaschistischer Akteure mitunter sind. Das Buch vereint eine akribische Datensammlung mit inhaltlicher Analyse und hilft so beim Verstehen der Ursachen, Dimensionen und Gefahren rechtsextremer Ideologie. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2012)