Tirol und Vorarlberg versinken derzeit in meterhohem Schnee. Während Urlauber und Touristiker jubeln, besteht durch den plötzlichen Wintereinbruch vor allem in höheren Lagen immer noch erhebliche Lawinengefahr.
Schnee – darauf mussten die Urlauber in Österreichs Skigebieten in diesem Winter lange warten. Dann kam plötzlich so viel Schnee, dass Chaos ausbrach – Pisten und Straßen wurden gesperrt, ganze Gebiete waren nicht mehr zugänglich, Wintersportler mussten sogar mit Hubschraubern geborgen werden. Hinzu kam die erhebliche Lawinengefahr. Auf der fünfteiligen Skala wurde in Tirol und Vorarlberg der Wert 3 erreicht.
Das Hauptproblem bilden wegen des Neuschnees bis heute Gleitschneelawinen, die auf steilen Wiesen abgehen könnten. In schneereichen Regionen könnten Gleitschneelawinen auch ein größeres Ausmaß annehmen. Die Gefahrenstellen sind aufgrund des Windes besonders im kammnahen, sehr steilen Gelände zu finden. Noch immer gibt es Straßensperren in Seitentälern und höher gelegenen Orten.
„Alles halb so schlimm“, relativiert Hotelier Alexander Kertess. So dramatisch, wie die Medien die Situation geschildert hätten, sei diese bei Weitem nicht gewesen. Der 46-Jährige betreibt seit neun Jahren das Viersterneresort Lux Alpinae in St. Anton am Arlberg in Tirol. Die beliebte Wintersportdestination war von den plötzlichen Schneefällen besonders stark betroffen und am vergangenen Montag stundenlang weder mit dem Auto noch mit dem Zug erreichbar. Mittlerweile hat sich die Lage wieder etwas beruhigt, auf das Schneechaos folgten strahlender Sonnenschein und traumhafte Bedingungen für Skifahrer.
„So läuft das hier“, sagt Kertess. „Wir freuen uns, wenn es schneit, und noch mehr, wenn es wieder aufhört zu schneien.“ Urlauber ebenso wie Einheimische würden Wintereinbrüche dieser Art viel entspannter sehen, „als man vielleicht vermuten könnte“. Alles, was die Gäste wollten, sei Ski zu fahren. „Solange die Pisten frei sind und sie auf ihren Skiern und Snowboards die Hänge hinunterrauschen können, sind sie glücklich und genießen ihren Aufenthalt hier.“
Und wenn nach heftigen Schneefällen die Pisten einige Stunden lang präpariert werden müssten und nicht befahrbar seien, würden sie sich die Zeit eben anders vertreiben. „Dann gehen sie einkaufen oder verbringen die Zeit in den Wellnessbereichen ihrer Hotels.“
„Sicherheit stets gewährleistet“. In Wintersportorten wie St. Anton sei allen bewusst, dass die Sicherheit sowie die Versorgung der Gäste und des Personals stets gewährleistet seien. „Im Arlbergtunnel haben wir einen Fluchtstollen, der zu jeder Zeit frei ist“, erklärt Kertess. „Das bedeutet, dass die notwendigste Versorgung niemals versiegen kann. Auch dann, wenn Orte mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten sein sollten, was höchstens alle zehn Jahre passiert.“ Abgesehen davon seien die Hotels verpflichtet, genug Vorräte zu lagern, um auch ohne Nachschub für zwei, drei Tage die Verpflegung zu garantieren.
Für die lokale Bevölkerung seien Schneefälle dieser Dimension ohnehin ein Segen. „Wir leben hier alle vom Tourismus“, bekennt der Hotelfachmann. „Wenn es schneit, ist es so, als würde es Gold auf uns herabregnen.“ Natürlich sei es kein Vergnügen, jeden Morgen gigantische Schneemassen wegzuräumen und mit eingeschränkten Transportwegen klarzukommen. „Aber dieser Ärger ist schnell vergessen, wenn man sieht, wie gut das Geschäft im Anschluss läuft.“
Medienberichte als Werbung. Ein weiterer positiver Aspekt von plötzlichen Wintereinbrüchen sei der Werbeeffekt, in dessen Genuss Wintersportorte wie St. Anton durch die Medienberichterstattung darüber kommen würden. „Wenn es in den Nachrichten heißt, dass St. Anton nicht mehr zugänglich ist und im Schneechaos erstickt, können wir uns sicher sein, dass am nächsten Tag die Reservierungen durch die Decke gehen“, erzählt Kertess. „Einfach, weil die Leute genau wissen, dass in den kommenden Wochen die Schneeverhältnisse auf den Pisten gesichert sind. Katastrophenmeldungen, von denen die Medien leben, sind auch für uns ein wichtiger Impuls.“ Vor einigen Tagen, als für St.Anton die Schneekettenpflicht ausgerufen wurde, hätten ihn noch am selben Abend frühere Gäste angerufen. „Sie wollten so schnell wie möglich ihren Urlaub reservieren, bevor die Hotels ausgebucht sind.“
„Wir sind nicht in der Wüste.“ Zu „85 Prozent Positives“ kann auch Martin Ebster, Direktor des Tourismusverbandes von St. Anton, den Wetterkapriolen der letzten Tage abgewinnen. „Wir hatten hier zwar eine extreme Winterstimmung, sie war aber zu jeder Zeit unter Kontrolle“, betont Ebster. Die im Vordergrund stehende Sicherheit der Menschen sei nie gefährdet gewesen.
„Auf solche Situationen ist unsere Infrastruktur derart gut vorbereitet, dass das befürchtete Chaos fast immer ausbleibt. Die Lawinenkommission tagt drei-, viermal am Tag, nichts wird dem Zufall überlassen.“ Dessen seien sich auch die Gäste bewusst, die sich ihren Urlaub nicht hätten verderben lassen. Im Gegenteil, sie seien angesichts des meterhohen Schnees gar nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen. „Und was die abgesperrten Straßen angeht“, fährt Ebster fort, „wir befinden uns hier nicht in der Wüste oder in der Antarktis, sondern in einem Luxusort, in dem die Urlauber rund um die Uhr verwöhnt werden.“ Es gebe schlimmere Orte, um darin eine Zeit lang festzusitzen.
„Nach Hause gekommen ist bis jetzt noch jeder“, fügt Kertess hinzu. „Manchmal halt einen Tag oder zwei später.“ Ob es denn keinen Ärger mit Gästen gegeben habe, die wegen der abgesperrten Straßen ihren Flug versäumt hätten oder deren Visum abgelaufen sei? „Sie meinen unsere russischen und ukrainischen Gäste“, sagt Kertess schmunzelnd. „Nicht im Geringsten. Sie haben einfach ein paar Anrufe getätigt, und die Angelegenheit war erledigt. Leute, die hier Urlaub machen, sind für gewöhnlich nicht mittellos und wissen sich in solchen Situationen durchaus zu helfen.“
Wenn die Welt untergeht. Im Urlaub seien die Gäste ohnehin kaum aus der Fassung zu bringen. „Außer bei einer Sache“, so Kertess. „Wollen Sie wissen, wann es wirklich Ärger mit Urlaubern gibt? Am 28. Dezember, als der Winter noch nicht Einzug gehalten hatte und die Welt sozusagen noch in Ordnung war, ist in unserem Hotel für eine halbe Stunde die Internetverbindung ausgefallen.“ Chaos sei ausgebrochen. Die Leute hätten mit ihren iPads und iPhones nichts mehr anfangen können. „Was für ein Drama“, klagt Kertess. „Wenn zwei Tage lang die Straßen nach St. Anton gesperrt werden, nehmen das die Gäste wohlwollend in Kauf. Aber wenn sie zwei Tage lang keinen Internetzugang haben, können Sie zusehen, wie hier die Welt untergeht.“
Österreichs Skigebiete betrachten den plötzlichen Wintereinbruch der vergangenen Woche als großen Segen. Die Reservierungen würden nach derartigen Schneefällen in die Höhe schießen.
Trotz Straßensperren und von der Außenwelt abgeschnittenen Orten sei die Versorgung der Gäste und des Personals in heimischen Wintersportorten stets gewährleistet gewesen, da Hotels verpflichtet sind, genug Vorräte zu lagern, um die Verpflegung im Notfall zwei, drei Tage lang garantieren zu können.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2012)