Sturm auf Euro: Iraner fürchten Verfall ihrer Währung

Sturm Euro Iraner fuerchten
(c) Reuters

Vor dem Hintergrund härterer Sanktionen und wachsender Spannungen mit den USA versuchen die Iraner, ihre Landeswährung gegen harte Währungen einzutauschen. Der Rial hat im Vormonat 20 Prozent an Wert verloren.

Teheran/Ag/Bloomberg. Die europäische Schuldenkrise bereitet im Basar Arz von Teheran niemandem Sorgen – im Gegenteil. Wer hierher gekommen ist, sucht das, was der Händler inmitten der Menschenmenge in die Höhe streckt: ein Bündel 500-Euro-Scheine. Vor dem Hintergrund härterer Sanktionen und wachsender Spannungen mit den USA versuchen die Iraner, ihre Landeswährung Rial gegen harte Währungen einzutauschen. Der Rial hat im Vormonat 20 Prozent an Wert verloren, gemessen an der offiziellen Umtauschrate für Iraner, die ins Ausland reisen wollen.

Im Basar Arz, dem Zentrum des Devisenhandels in Teheran, ist der Wert noch stärker gesunken. Doch Euro und Dollar zu kaufen, wird immer schwieriger. Internetseiten, die Wechselkurse anzeigen, wurden in der vergangenen Woche blockiert, viele offizielle Wechselstuben geschlossen. Zudem verringerte die Regierung den Devisenbetrag, den Iraner, die ins Ausland reisen wollen, mitnehmen dürfen, um die Hälfte auf 1000 Dollar.

Flucht in Gold und Devisen

Zentralbankgouverneur Mahmoud Bahmani hat abgestritten, dass es die Sanktionen gegen das Land sind, die die Probleme verursachen. „Der Feind setzt darauf, psychologische Spannungen aufzubauen“, sagte er. „Wenn wir uns davon einschüchtern lassen, spielen wir dem Feind in die Hände.“ Der Ansturm auf harte Währungen zeigt jedoch, dass sich diese Spannungen ausbreiten, noch bevor die jüngsten Sanktionen vollständig eingeführt worden sind. Die USA und die EU wollen ein Embargo gegen Ölkäufe vom Iran verhängen und die Transaktionen mit der iranischen Zentralbank beschneiden. US-Präsident Barack Obama unterzeichnete am 31. Dezember ein Gesetz, demzufolge Unternehmen und Staaten, die mit dem Iran Geschäfte machen, der Zugang zum US-Finanzsystem verweigert wird.

Gerichtet sind die Sanktionen gegen das Atomprogramm des Iran, da es nach Ansicht der USA militärischen Zwecken dient. Der Iran bestreitet dies und erklärt, es gehe um die Nutzung der Kernkraft für friedliche Zwecke. Vizepräsident Mohammad Reza Rahimi drohte am 27. Dezember, die für die Öltransporte aus dem Persischen Golf wichtige Straße von Hormuz zu sperren, falls Sanktionen verhängt würden. Rund ein Fünftel des weltweiten Ölbedarfs wird durch die Meerenge transportiert. Der Ölpreis kletterte in der Vorwoche auf ein Acht-Monats-Hoch von über 103 Dollar je Fass.

Vor den Sanktionen hatte der IWF für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum aufgrund steigender Ölpreise von 3,4 Prozent vorausgesagt. 2011 lag das Wachstum bei 2,5 Prozent. Der Rutsch des Rial wird allerdings die Gefahr einer Inflation erhöhen. In den vergangen zehn Jahren lag die Teuerungsrate im Schnitt bei rund 15 Prozent. Derzeit liegt sie bei 20,6 Prozent. Schon vor den jüngsten Sanktionen hatten Iraner deswegen begonnen, Gold und Devisen zu kaufen.

Dollar ab 8.15 Uhr ausverkauft

Der offizielle Wechselkurs der Zentralbank lag zuletzt für Iraner, die Reisepläne belegen können, bei 13.630 Rial je Dollar. Vor kaum einem Monat lag er noch bei 10.800 Rial je Dollar. Auf dem Teheraner Basar kostete der Dollar 16.900 Rial. Die Spreizung der Wechselkurse sei eine „symbolische Niederlage“ für die Regierung, sagt Kevan Harris, Wissenschaftler an der Johns Hopkins Universität. Weil es im klassischen Sinne keinen funktionierenden Devisenmarkt gebe, hätten sich die Kursschwankungen derart ausgeweitet. Die Regierung hat mittlerweile ein Gesetz verabschiedet, das es ermöglicht, inoffizielle Devisengeschäfte zu bestrafen. Die Strafe entspricht dem doppelten Transaktionsbetrag. Allerdings ist das Gesetz noch nicht in Kraft getreten.

Die Preise für Importwaren aus China im Bereich Konsumelektronik sind innerhalb von nur zwei Wochen um 20 Prozent gestiegen. Für die meisten Iraner ist jedoch die Preisentwicklung bei den Grundnahrungsmitteln wichtiger: Der Iran wird dieses Jahr 1,3 Millionen Tonnen Reis importieren. Das entspricht beinahe der eigenen Produktionsmenge. Die Getreideimporte dürften bei sechs Millionen Tonnen liegen, das entspricht etwa einem Viertel des Verbrauchs. Die Ölproduktion, die 2011 bei durchschnittlich 3,6 Millionen Fass pro Tag lag, hält die Handels- und die Leistungsbilanz im Plus und hat es dem Land ermöglicht, Devisenreserven von fast 80 Mrd. Dollar anzuhäufen. Damit ist ein Schutz vor den Auswirkungen von Sanktionen vorhanden.

Während es auf dem Basar Dollar und Euro zu kaufen gibt, ist die Verfügbarkeit über offizielle Kanäle begrenzt. Bei einer Filiale der Bank Melli – einem der größten iranischen Institute – im Teheraner Vorort Sadeghieh, teilte ein Mitarbeiter den enttäuschten Kunden mit, sie sollten beim nächsten Mal doch früher kommen, denn Dollars seien üblicherweise um 8.15 Uhr morgens ausverkauft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2012)