Schauspielhaus: Schuberts Doppelgänger sind zu sechst

Schauspielhaus Schuberts Doppelgaenger sind
Schauspielhaus Schuberts Doppelgaenger sind(c) Clemens Fabry
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Thomas Arzt lieferte einen lautmalerischen Text mit Tiefgang für die Erkundung des Komponisten. Sechs Akteure spielen unter Carina Riedls Regie.

Das Schauspielhaus erforscht österreichisches Geistesleben in Mini-Dramen-Serien: Auf Doderers „Strudlhofstiege“, Freud und Kreisky folgt Schubert, an den im neunten Bezirk, wo auch das Schauspielhaus daheim ist, abseits des Geburtshaus-Museums vieles erinnert. Diese Schauplätze sollen Besucher in den nächsten Wochen aufsuchen und mehr über den Komponisten erfahren. Begonnen wurde der Parcours am Samstagabend im Schauspielhaus mit dem Pilot „Der Doppelgänger“, ein Schubert-Lied.

Das Biopic-Business beim Film blüht, zuletzt richteten sich die Scheinwerfer auf Margaret Thatcher und Grace Kelly. Die Tragik der Fallhöhe zwischen Größe und Realität fasziniert das Publikum immer wieder.

Das Schauspielhaus fand in dem jungen Oberösterreicher Thomas Arzt („Grillenparz“) einen Autor für sein Schubert-Stück, der wie Franzobel seine Sprache aus der Lautmalerei des ländlichen Originalidioms entwickelt. Als Material dienten Arzt die mitunter bizarren, melodramatischen, eben romantischen Texte, die Schubert-Liedern ihre spezifische Exaltation verleihen.

Als Projektionsfläche ist Schubert beliebt. Christoph Marthaler zeigte bei den Festwochen vor Jahren seine skurrile, trübe Version der „Schönen Müllerin“. Im heurigen April hat Elfriede Jelineks „Winterreise“ in der Regie von Stefan Bachmann im Akademietheater Premiere. Da passt die Schauspielhaus-Serie als Einstimmung bestens.

Nach dem Eröffnungsabend zu schließen, balanciert die Performance gekonnt auf dem Schwebebalken zwischen Komik und Tragik, verfällt weder in den reichlich strapazierten Dreimäderlhaus-Schubert-Kitsch noch in den allzu tiefen Weltschmerz von Fritz Lehners sensitivem Schubert-Film mit Udo Samel (Mit meinen heißen Tränen 1986) .

Sechs Akteure spielen unter Carina Riedls Regie – sie arbeitete auch am Text mit – Schubert und alle anderen Rollen. Da ist die Mutter des Komponisten, die aus Verzweiflung ein Kind selbst abtreibt. Elisabeth Schubert war sieben Jahre älter als ihr Mann Franz Theodor. Sie gebar 14 Kinder, von denen nur fünf am Leben blieben. Drückende Armut herrschte im „Armeleutepferch“ am Himmelpfortgrund. Die toten Seelen seiner Geschwister bedrängen den jungen Franz.

Spritziges, temperamentvolles Spiel

Als er statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, die der Vater für ihn vorgesehen hat, nicht zuletzt in der Hoffnung, der Sohn könnte die Familie unterstützen, nur mehr komponieren will, wirft ihn der genervte Alte hinaus. Im Hintergrund wetterleuchten die zerschlagenen Utopien Europas: die Französische Revolution, Napoleon. Nichts funktionierte, nun dümpelt man im restaurativen Biedermeier dahin und besingt den guten Kaiser Franz, der seinen Kanzler Metternich machen lässt, der Mann fürs Grobe. Die wirtschaftliche Lage ist mies. Fluchtpunkte bieten Kunst und Natur...

Ein jugendfrisches Ensemble erfüllt diesen reichhaltigen Abend zwischen musikalischem Jokus und Elegie mit sprühend-spritzigem Leben – im Abbruchhaus-Bühnenbild mit Biedermeiertapeten, schön konturiert durch die stilisierten historischen Kostüme.

Den Rahmen bildet die schöne Müllerin, umworben vom armen Müllerburschen und dem siegessicheren Jäger. Besondere Herausforderungen hat Erwin Belakowitsch zu bewältigen, der, von Mehl umstäubt, dennoch punktgenau und mit ungewohnter Komik Schuberts Melodien zu Gehör bringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2012)

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