Eine Party auf der Costa Concordia für den Kapitän

Die Fed hat Sitzungsprotokolle veröffentlicht, die zeigen, wie sehr die Notenbanker die Gefahren einer Wirtschaftskrise unterschätzt haben.

Die Stimmung war ausgesprochen gut an jenem 31.Jänner 2006. Im Sitzungssaal der Federal Reserve prosteten die zwölf Mitglieder ihrem scheidenden Chef Alan Greenspan zu: „Du bist ziemlich grandios“, meinte Timothy Geithner, damals Leiter der Notenbank in New York und heute Finanzminister der USA. „Ich denke, wir werden in Zukunft sogar meinen, dass Du noch viel besser bist, als wir derzeit glauben.“ „Applaus“, vermerkt das Protokoll.

Ein wenig ist diese Feier so, als hätten die Offiziere der Costa Concordia ihren Kapitän dafür hochleben lassen, dass er das Kreuzfahrtschiff so schön knapp an die Insel Giglio heranmanövriert hat. Was in Italien passiert ist, wissen wir. Was in den USA passiert ist, wissen wir auch. Und Alan Greenspan ist dafür wesentlich verantwortlich.

Fünf Jahre beträgt die Sperrfrist in den USA für Sitzungsprotokolle der Fed. Die jetzt veröffentlichten Mitschriften geben einen interessanten Einblick, wie ahnungslos 2006 (fast) alle Notenbanker ob der drohenden Krise waren. Man scherzte über die Gefahren in Island; meinte, der US-Häusermarkt sei recht stabil und lobte Greenspan dafür, dass er die Zinsen so lange so tief gehalten hat.

Sechs Jahre später weiß man, dass die geringen Zinsen in Kombination mit einem unregulierten Bankenbereich die Immobilienblase so lange wachsen ließen, bis sie platzte und die ganze Welt in eine Rezession riss.

2006 amüsierte man sich noch köstlich, als bei einer Sitzung im März ein Experte über die hoch verschuldeten Banken in Island berichtete. „Wir wollen alles wissen über die Isländer“, forderte der damals frisch gewählte Fed-Chef Ben Bernanke unter heftigem Gelächter. Zwei Jahre später brachen die Banken zusammen.

Die stetig steigenden Preise auf dem Häusermarkt sahen die Fed-Mitglieder zwar skeptisch. Bernanke urteilte bei einer Sitzung aber, dass es eine „ziemlich weiche Landung“ geben werde. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Wachstum durch den Immobilienmarkt beeinträchtigt wird.“

Nur eine Kassandraruferin gab es: Susan Bies, die warnte, dass die Banken ihr Geschäftsmodell auf „fallende Zinsen und steigende Hauspreise“ ausgerichtet hätten. „Was passiert, wenn sich einer der Trends umkehrt, ist nicht klar.“ Bernankes Antwort damals: „Bis jetzt sehen wir im schlimmsten Fall einen sehr geordneten Rückgang beim Häusermarkt.“

Greenspan gesteht mittlerweile „in einigen Bereichen“ Fehler ein. Der einst monetaristische Maestro der Weltwirtschaft meint, die Regulierungen und die Aufsicht seien zu lasch gewesen. Seine Zinspolitik verteidigt er.

Seien wir gespannt auf das Jahr 2015. Dann wird man nämlich sehen, welche Partys die Fed feierte, als sie entschied, US-Anleihen aufzukaufen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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