„Let's focus“ und andere Schlüpfrigkeiten

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Nun spricht auch Polens Regierungschef Englisch. Der Siegeszug des „Globish“ scheint unaufhaltsam.

Vergangenen Mittwoch fand im großen Konzertsaal des dänischen Rundfunks in Kopenhagen eine Weltpremiere statt: Erstmals hielt Polens Ministerpräsident, Donald Tusk, eine Rede auf Englisch, in ziemlich passablem sogar. Kenner Polens deuteten das sofort als versteckte Bewerbung Tusks um den Posten des nächsten Präsidenten der Europäischen Kommission oder des Europäischen Rates. Denn bisher war gegen eine internationale Karriere Tusks stets vorgebracht worden, sein Englisch sei zu schlecht. Darum trainiert er seit Langem mit Fremdsprachenlehrern, und es geht sogar das Gerücht um, er habe für jeden Wochentag einen anderen Lehrer, weil er sich mit einem allein zu schnell langweile.

Im Auditorium dieser Veranstaltung sitzend, hörten wir dem anglophonen Tusk ein bisschen traurig zu. Einerseits ist es stets eine Offenbarung, einen Menschen direkt zu verstehen, dessen Rede man bisher nur gedolmetscht übermittelt bekommen hat. Andererseits fehlte uns Tusks trocken vibrierendes „R“, das sich an seinem Gaumen festzuklammern scheint, wenn er Polnisch spricht, und das möglicherweise auf seine kaschubische Herkunft zurückzuführen ist.

So ist zu fürchten, dass sich Tusk bald in die lange Reihe der Schlechtes-Englisch-Redner einfügen wird; mancherorts hat sich dafür das Wort „Globish“ durchgesetzt. Der größte Globish-Sprecher vor dem Herrn ist Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Er hat immer sehr viel zu sagen, wenn er ein Podium betritt. Doch weil Barroso das in der Globish-Untervariante Portunglisch tut, rutschen unsere Gedanken stets an jener Stelle verstört aus, wo er uns, Europa und dem Kosmos folgenden Tagesbefehl erteilt: „Let's focus!“

Denn das wäre doch um einen Hauch zu intim.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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