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Nordamerika: Fledermäuse sterben zu Millionen

(c) Dpa/Holger Hollemann (Holger Hollemann)
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Ein Pilz bedroht alle Arten und bringt damit auch der Landwirtschaft Schäden in Milliardenhöhe. Im Jahr 2009 schätzte man die Opfer auf etwa eine Million, die jetzigen Zählungen ließen die Summe hochschießen.

In Nordamerika sind schon manche Tierarten verschwunden, die Bisons etwa wurden fast ausgerottet. Aber was derzeit vor sich geht, ist präzedenzlos, eine ganze Säugetiergruppe erleidet ein Massensterben, die Fledermäuse, alle Arten. Begonnen hat das Sterben im Winter 2006/2007 in einer Höhle im Bundesstaat New York, es griff rasch um sich, in manchen Höhlen fielen alle Tiere tot von der Decke. Ihre Schwingen und Nasen waren von weißem Pilzgeflecht überzogen – deshalb heißt das Leiden „Weißnasensyndrom“ –, zunächst vermutete man, dass der Pilz nur eine nachgeordnete Rolle spielt und über Tiere herfällt, die aus anderen Gründen geschwächt sind.

Später wurde klar, dass der Pilz selbst (Geomyces destructans) den Tod bringt, auf indirektem Weg: Die meisten nordamerikanischen Fledermäuse halten einen Winterschlaf – weil sie dann keine Beute finden: Insekten –, aber sie schlafen nicht durch, sondern wachen öfter auf, zum Trinken, zum Urinieren, auch zum Sex. All das kostet Kraft bzw. Fettreserven. Zu oft dürfen sie nicht aufwachen, aber der Pilz bringt sie dazu, vermutlich irritiert er ihre Haut. Deshalb sterben sie an Auszehrung. Und das in immer größeren Zahlen: Im Jahr 2009 schätzte man die Opfer auf etwa eine Million, die jetzigen Zählungen ließen die Summe hochschießen, auf 5,7 bis 6,7 Millionen, Hauptbetroffene ist derzeit das Mausohr (Myotis lucifugus), 20 Prozent ihrer Bestände sind in den USA und Kanada landesweit schon weg, in manchen Bundesstaaten 100 Prozent.

Und was einmal weg ist, kommt nicht wieder: Fledermäuse leben lange und reproduzieren sich langsam, viele mit nur einem Jungen im Jahr. Sie können die Verluste der Populationen nicht wettmachen. Und die der Ökonomie auch nicht: Forscher haben den Nutzen der Fledermäuse nur in den USA und nur für die Landwirtschaft auf 22,9 Milliarden Dollar geschätzt – so viele Schadinsekten verzehren die Räuber bzw. so viele Insektizide ersparen sie –, und das noch zu einer Zeit, in der man von nur einer Million Opfern ausging.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2012)