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Warnschuss für Türkei: Raketen auf Botschaft in Bagdad

(c) AP (Karim Kadim)
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Premier Maliki kritisiert Einmischungsversuch seines türkischen Kollegen Erdoğan. Der türkische Premier setzte sich für den irakischen Vizepräsidenten Tariq al-Haschimi ein,

Ankara/Bagdad. Die Rakete kam wie eine Warnung: Nur wenige Tage nach einem verbalen Schlagabtausch zwischen dem türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan und seinem irakischen Kollegen Nuri al-Maliki zerschellte am Mittwoch ein Projektil an der Schutzmauer der türkischen Botschaft in Bagdad. Zwei weitere Raketen sollen in der Nähe eingeschlagen sein, über Schäden wurde zunächst nichts bekannt.

Der Zank hatte am 10. Jänner mit einem Anruf von Erdoğan bei Maliki begonnen. Der türkische Premier setzte sich bei der Gelegenheit für den irakischen Vizepräsidenten Tariq al-Haschimi ein, der sich vor einem Gericht wegen angeblicher Verwicklung in terroristische Anschläge verantworten muss und sich deshalb ins irakische Kurdengebiet abgesetzt hat. Erdoğan forderte demnach ein „transparentes Verfahren“ gegen Haschimi in einer anderen Stadt als Bagdad. Außerdem warnte er Maliki vor religiösen Spannungen.

Haschimi gehört der sunnitischen Minderheit an und war früher Vorsitzender der Irakischen Islamischen Partei. Maliki hingegen ist Chef der schiitischen Partei al-Dawa und mit weiteren schiitischen Gruppen verbündet. Seit dem Abzug der US-Truppen im Dezember versucht Maliki offenbar, den Staat ganz unter schiitische Kontrolle zu bekommen.

Iraks Premierminister nahm sich die Warnungen Erdoğans keineswegs zu Herzen, sondern beschuldigte ihn, ethnische und religiöse Spannungen im Irak schüren zu wollen. Dabei mahnte er die Türkei mit dem Hinweis, dass auch sie aus verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen bestehe.

 

Suche nach neuen Freunden

Im nahöstlichen Beziehungsgeflecht setzt Maliki auf gute Kontakte zum ebenfalls mehrheitlich schiitischen Iran. Die Türkei wiederum sucht in letzter Zeit verstärkt die Freundschaft Saudi-Arabiens und der anderen arabischen Staaten am Persischen Golf, die alle von Sunniten regiert werden. Erdoğan hofft auf Investitionen der Golfstaaten in seinem Land – und ganz nebenbei ist er, wie die Mehrheit der Türken, ein Sunnit.

Wenn die Raketen wirklich als Warnung an die Türkei gedacht waren, sich nicht für die irakischen Sunniten einzusetzen, so heißt das allerdings noch nicht, dass Maliki persönlich hinter dem Anschlag stecken muss. Spannungen zwischen der Türkei und Irak könnten derzeit vielen gelegen kommen, etwa auch kurdischen Rebellen oder dem von Erdoğan unter Druck gesetzten syrischen Diktator Bashar al-Asad, um nur zwei mögliche Adressen zu nennen.

Für die Türkei wird das strategische Umfeld schwieriger. Von ihrer Devise „Null Probleme mit den Nachbarn“ ist kaum etwas übrig geblieben, nachdem sich die Beziehungen zu Syrien, Israel, Irak und Iran verschlechtert haben – vom Verhältnis zu Zypern und Armenien ganz zu schweigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2012)