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Wannseekonferenz: Als das Grauen organisiert wurde

(c) ORF (-)
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Am 20. Jänner 1942 erörterten insgesamt 15 hochrangige Bürokraten des Nazi-Regimes in Berlin die Durchführung des Holocaust. Die Deportationen nach Polen begannen Ende 1939.

Mit einem Staatsakt, bei dem der deutsche Bundespräsident Christian Wulff und der israelische Minister Jossi Peled, ein Überlebender des Holocaust, Reden halten, wird an diesem Freitag in Berlin der 70. Jahrestag der Wannseekonferenz begangen, am Ort des historischen Geschehens, einem Haus im Südwesten der deutschen Hauptstadt.

Die ehemalige Villa Marlier (Am Großen Wannsee 56–58) war das Gästehaus der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes. SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich lud am 20.Jänner 1942 zu einem Treffen ein, bei dem die Deportation und Vernichtung der Juden erörtert wurden. Beschlossen war der Holocaust längst, von Hitler in seinem engsten Führungskreis, nun ging es noch um die Durchführung. „Es war keine Entscheidungskonferenz“, betont Norbert Kampe, Leiter der heutigen Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“, „es war eine Organisationskonferenz“. Deshalb waren dort auch nicht die Nazi-Spitzen versammelt, sondern die Vertreter der Bürokratie, die den Massenmord organisierten und denen Hannah Arendt später, als Beobachterin des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961, die „Banalität des Bösen“ bescheinigte.

Adolf Eichmann führte Protokoll

Eichmann war bei der „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ dabei, die als einzigen Tagesordnungspunkt die „Endlösung der Judenfrage“ hatte, so wie die Staatssekretäre Roland Freisler (Justiz), Josef Bühler (Amt des Generalgouverneurs in Krakau), Unterstaatssekretär Martin Luther (Auswärtiges Amt), Otto Hofmann (Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS); insgesamt 15 hochrangige Bürokraten des Nazi-Regimes. Eichmann führte Protokoll – ein einziges von 16 ist erhalten – und bestätigte bei seinem Prozess die Echtheit, die von Revisionisten bezweifelt wurde. Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei führte das Wort: „Im Zuge der Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund elf Millionen Juden in Betracht“, sie sollten nach „Osten“ deportiert werden, zu Zwangsarbeit, „wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand, wird[...] entsprechend behandelt werden müssen.“

Konkreter wird die Konferenz nicht, es gab auch die industriellen Massenvernichtungslager noch nicht. Aber wer in solchem Amtsdeutsch in die Akten kommt, kommt lebend nicht mehr heraus. Die Deportationen nach Polen begannen Ende 1939. Joachim C. Fest schrieb in seiner Hitler-Biografie 1973, dass dessen konkreter Entschluss zur Massenausrottung offenbar in die Zeit der aktiven Vorbereitung des Russlandfeldzugs fiel: „Die Rede vom 31. März 1941, die einen größeren Kreis hoher Offiziere über Himmlers Sonderaufgaben im rückwärtigen Gebiet ins Bild gesetzt hat, stellt den ersten greifbaren Hinweis auf ein umfassendes Tötungsvorhaben dar.“

Heydrich und seine Gäste am Wannsee waren willige Vollstrecker. Der Historiker Michael Wildt von der Humboldt-Universität (mit seinem Vortrag wird nach dem Staatsakt in Berlin ein Symposium zum Thema eröffnet) sagte im Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ (Ausgabe vom Donnerstag), dass dieses Treffen eine „Etappe in einem Radikalisierungsprozess“ war, durchgeführt von Männern ohne jede Skrupel: „Im Gegenteil, sie glaubten sich sogar moralisch im Recht, wenn sie den Massenmord befahlen“, meint Wild: „Denn in ihren Augen waren die Juden die Hauptfeinde des deutschen Volkes, die für alles Schlechte in der Welt verantwortlich waren, die sowohl die sowjetischen Partisanen leiteten wie den US-Präsidenten beherrschten.“

Am Donnerstag war der ungarische Schriftsteller György Konrád, der die Shoa als Kind überlebt hatte, dazu eingeladen, vor der Akademie der Künste in Berlin einen Vortrag zu halten. In einem Vorabdruck der Rede steht über die Vernichtung der Juden in seinem Land Folgendes: „All dies geschah enorm nüchtern, alltäglich, gleichmütig, banal.“ So wie bei der „Zusammenkunft hochrangiger, diplomierter Herren am Wannsee“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2012)