Bilanz: Ihr da oben, wir da unten

W
er Volkes Meinung auf kleinformatigen Leserbriefseiten studiert, der weiß: "Die da oben" sind raffgierig, korrupt, nur darauf aus, die eigenen Taschen voll zu stopfen. Ihre Leistung steht in diametralem Gegensatz zu den Geldbeträgen, die sie einander zuschanzen.

Ein ungerechtes Bild. Auf der anderen Seite hat man in den letzten Tagen freilich den Eindruck gewonnen, dass nicht wenige Top-Leute hart daran arbeiten, dieses Image zu kultivieren. Nein, wir reden hier nicht von der Bawag/ÖGB-Geschichte. Das ist ja ein echter Kriminalfall, in dem hoffentlich bald die Handschellen klicken werden.

Wir reden von Leuten, die sich voll auf dem Boden des Rechts bewegen. Denen aber jedes Gefühl für Anstand, für den berühmten "Genierer" abhanden gekommen ist. Und die damit nicht ganz unschuldig sind, dass sich in der Bevölkerung eine demokratiegefährdende "Alles-Gauner"-Stimmung breit macht.

Es stimmt: Moral ist weder eine wirtschaftliche noch eine politische Kategorie. Wir sind hier nicht im Mädchenpensionat. Und so ist es natürlich völlig legal, dass Aufsichtsräte Geschäfte mit der von ihnen beaufsichtigten Unternehmen machen. Da fährt die Eisenbahn drüber.

Der Corporate Governance Kodex sieht das zwar ein wenig anders, aber der ist eben kein Gesetz. Sondern ein ganz und gar freiwilliger Wohlverhaltenskodex zwecks Installierung zivilisierter Geschäftssitten. Den können sich seine Erfinder mehr oder weniger in die Haare schmieren, wenn anderes "dem Wohl des Unternehemens dient", wie Bahn-Generaldirektor Martin Huber dankenswerterweise konkretisiert hat.

Mit Dienstwagen und Chauffeur zum Golf? Alles völlig legal. Und - so ganz nebenbei - bei mehr als vier Milliarden Euro Zuschuss zur Bahn auch schon wieder egal. Kleine Immobilien-Geschäfterl im Familienkreis? Wer wird denn da gleich Böses denken. Alles Intrigen vom politischen Gegner, Wahlkampf halt.

Aber wozu die Aufregung: Die Welt dreht sich weiter, auch wenn Spitzen-Manager ihre "anything goes" Ideologie bis zur Unerträglichkeit ausleben und Management-Gurus den Beweis dafür antreten, dass auch Top-Wissenschaftler in der betrieblichen Praxis eine verheerende Figur abgeben können.

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