Bilanz: Versteckter Weg zum Futtertrog

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ie Weltwirtschaft könnte 2006 noch schneller wachsen als zuletzt, frohlockte zu Wochenbeginn der Chef der Europäischen Zentralbank, Claude Trichet. Professionelle EZB-Watcher sehen darin Vorbereitungsrhetorik für die nächste Zinserhöhung - was es wohl auch sein wird.

Was beim Jubel des EZB-Chefs ein wenig untergegangen ist: Die Weltwirtschaft steckt seit Jahren in einer gewaltigen Aufschwungphase. Nur am alten Europa geht die leider weiterhin ziemlich vorbei.

Für Euro-Zentralbanker und Wirtschaftspolitiker besteht also wenig Anlass, über die Weltkonjunktur zu jubeln. Aber umso mehr, Strategien für eine echte Euro-Wachstumspolitik zu entwickeln. Denn den EU-Arbeitslosen hilft es herzlich wenig, wenn China boomt, die US-Konjunktur brummt und Japan langsam wieder in die Gänge kommt. Die brauchen das Wachstum vor Ort.

Hilfreich ist die anhaltende Weltkonjunktur jedenfalls für jene großen Unternehmen, die global Geschäfte machen. Und damit für deren Aktienkurse. Die boomenden Euro-Börsen werden also wohl noch ein weiteres gutes Jahr anhängen. Und damit die von linken und rechten Populisten gern geschlagene Leier von den Reichen, die - im Gegensatz zu den Armen - immer reicher werden, wieder einmal bestätigen.

Unrichtig ist das ja nicht: Wer 2005 sein Geld traditionell aufs Sparbüchel gelegt hat, der muss seine Nullkommanochwas-Realzinsen jetzt mit dem Elektronenmikroskop suchen. Wer dagegen halbwegs geschickt in europäische Aktien investierte, der hat sein Vermögen locker um 40, 50 oder mehr Prozent vermehrt. Das treibt die Kluft auseinander.

Natürlich: Einem armutsgefährdeten Mindestlohnbezieher, der nicht weiß, wo er das Geld für die nächste Miete her bekommen soll, die Wallstreet zu empfehlen, wäre realitätsfremder, unappetitlicher Zynismus. Aber es gibt auch Millionen Österreicher, die ein wenig zur Seite legen können - und das dann für maximal zwei, drei Prozent ihrer Bank überlassen, damit diese mit dem Geld die wirklich lukrativen Geschäfte dann auf eigene Rechnung machen.

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iese Sparer langsam an er tragreichere Finanzprodukte (die in der Zwischenzeit ja auch für Nicht-Millionäre leicht zugänglich sind) heranzuführen wäre die bessere Strategie gegen die rasch auseinander klaffende Vermögensschere als ideologisches Gezeter gegen "Spekulanten".

Aber es bringt halt weniger politisches Kleingeld. Deshalb werden linke Arbeiterkämmerer und rechte Populisten weiter gegen Spekulation wettern und nach der "Reichensteuer" rufen - statt ihren "Schäfchen" den Weg zum immer noch gut gefüllten finanziellen Futtertrog zu empfehlen.

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