Eistraum mit einem Eisprofi

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Die Eislauflandschaft vor dem Wiener Rathaus hat eröffnet. Ein Lokalaugenschein mit Wiens Juniorenmeister im Eiskunstlaufen.

[WIEN] Bei Clément Ledoux geht das etwas schneller. Während sich die durchschnittliche Eistraum-Besucherin mühsam in die ausgeliehenen Schlittschuhe zwängt und mangels Sitzgelegenheit von einem Bein aufs andere springt, schlüpft der 17-jährige Wiener Juniorenmeister im Eiskunstlaufen flott in seine Profischuhe.

„Meine Trainerin würde mich umbringen, wenn sie sieht, dass ich ohne Schoner am Holz gehe. Die kleinen Steine sind schlecht für die Kufen", sagt er, während er mit der „Presse" den großen Eislaufplatz vor dem Rathaus genauer unter die Lupe nimmt.

Die Eröffnung am Donnerstagabend ist zwar nicht ganz ins Wasser gefallen. Der Besucherandrang hielt sich aber - trotz freien Eintritts - aufgrund des Regens in Grenzen. Michael Häupl eröffnete nach einer kurzen Showeinlage - nicht vom Bürgermeister, der ist eher beim Eisstockschießen anzutreffen, sondern ebenfalls von Eiskunstläufern - die 7000 Quadratmeter große Eisfläche mit den Worten „Eis frei". Danach durfte auch das Fußvolk die heuer noch einmal um 1000 Quadratmeter vergrößerte Eisfläche inspizieren.

Acht Stunden Training pro Woche

Ledoux steht seit seinem fünften Lebensjahr auf dem Eis. „Ich habe meiner großen Schwester immer alles nachgemacht. So bin ich zum Eiskunstlaufen gekommen und geblieben, sie nicht", sagt der gebürtige Franzose, der seit Jahren für Österreich bei verschiedenen Bewerben startet. Zuletzt erkämpfte er den Titel Wiener Juniorenmeister (16- bis 20-Jährige) der Herren. Da er heuer die Matura machen wird, kann er derzeit nur noch acht Stunden pro Woche trainieren.

Das macht sich trotzdem bemerkbar. Betritt er in seinem Wettkampfanzug das Eis, versammeln sich sofort ein paar staunende Zuschauer. Ganz leicht sehen die vielen Drehungen, Sprünge und Pirouetten bei ihm aus. Bis zu 30 Drehungen schafft er am Boden, im Sprung sind es drei bis vier. „Natürlich ist mir auch manchmal schwindlig, wenn ich etwas Neues lerne. Aber man muss üben, und wenn man es schafft, denkt man sich einfach nur ,wow‘. Dafür gibt es keine Worte", sagt er. Dem Eistraum kann er durchaus etwas abgewinnen, immerhin geht er auch hin und wieder „ganz normal mit Freunden" in Wien eislaufen.

„Das Eis ist gut, etwas weich, aber das kommt vom Regen", lautet sein Urteil. Besonders die kleinen Wege durch den südlichen Park, der heuer erstmals ganzheitlich befahrbar ist, haben es dem Sportler angetan. Blaue und rote Pfeile geben die Fahrtrichtung an, damit die Besucher nicht kollidieren - immerhin gibt es doch ein paar Stellen wo es recht flott bergab geht. Ein paar Aufpasser achten darauf, dass auch der Kreisverkehr richtig benutzt wird. In den engen Gässchen ist für Ledoux' Kunststücke allerdings kein Platz. Die können nur auf den zwei großen Eisflächen vorgeführt werden.

Mehr Balletttänzer als Eisläufer

Ledoux will diese, wenn auch nicht beim Eistraum, so doch bei seinem Heimatverein, dem Cottage Engelmann Verein, weiterhin trainieren. Beruflich will er sich aber in Zukunft auf etwas anderes konzentrieren: Flugzeugbau. Sein Vater verlangt ein zweites Standbein, und schon jetzt lässt sich der Spitzensport nur schwer mit der Schule vereinbaren, erklärt er, während ihn ein paar Rowdys in Eishockeyschuhen überholen. Beeindrucken lässt er sich davon aber nicht.

Österreich sei generell ein Land, in dem Eiskunstlaufen wenig zählt - anders als in Frankreich, China, Japan oder Russland. Ledoux macht dafür die fehlende mediale Aufmerksamkeit verantwortlich. Gerade bei den Burschen gibt es zu wenige, die den Sport ausüben. „Eiskunstlaufen hat ja auch viel mit Tanzen zu tun. Man muss auch ein bisschen Ballett dafür können. Ich kenne aber mehr Balletttänzer als Eiskunstläufer", sagt Ledoux. Natürlich wurde auch er in der Schule für sein außergewöhnliches Hobby gehänselt. „Wenn sie aber gesehen haben, was ich mache, waren sie ruhig", sagt er und setzt zur nächsten eleganten Runde an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2012)

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