Fundamentalismus

Der Begriff Fundamentalismus hat derzeit Hochkonjunktur. Was er genau bedeutet, ist aber offenbar auch Experten nicht klar.

Das Wort ist vergleichsweise jung: „Fundamentalismus“ wurde vor ziemlich genau 100 Jahren als eigenständiger Begriff bekannt. Ende des 19. Jahrhunderts rieben sich konservativ-protestantische Kreise in den USA an der Darwin'schen Evolutionslehre. Sie setzten dieser Theorie die Irrtumslosigkeit der Bibel entgegen, als positiv gemeinte Selbstbezeichnung entstand dafür das Wort „Fundamentalismus“. Zwischen 1910 und 1915 wurde in Kirchen und Schulen eine zwölfteilige Schriftenreihe mit dem Titel „The Fundamentals. A Testimony“ verteilt – die interessanterweise von zwei Erdöl-Tycoons finanziert wurde. Schon bald kehrte sich der Begriff aber ins Negative: als Außenbezeichnung von Kritikern für konservative Gruppierungen. Das ist bis heute so: Als „fundamentalistisch“ werden traditionalistische religiöse Strömungen genauso kritisiert wie antimodernistische säkulare Bewegungen oder radikale Tierschützer.

Bei einer Konferenz versuchte das Sir-Peter-Ustinov-Institut, das 2003 in Wien gegründet wurde, eine umfassende Betrachtung des Begriffs. Das Ergebnis wurde diese Woche in Buchform präsentiert („Fundamentalismus: Aktuelle Phänomene in Religion, Gesellschaft und Politik“, Braumüller Verlag). Allerdings: Was „Fundamentalismus“ genau bedeutet und wie sich der Begriff von anderen „-ismen“ abgrenzt, wird auch bei genauer Lektüre nicht wirklich greifbar. Der Berliner Politologe Hans-Gerd Jaschke spricht etwa von einem „rückwärtsgewandten Protest gegen Zumutungen der Moderne“ und einem „unverrückbaren Primat der Werte“, die es „zu verteidigen und wiederherzustellen“ gelte. Konkreter wird der Innsbrucker Politologe Anton Pelinka: Fundamentalismus werde bestimmt durch eine „quasireligiöse Gewissheit über das, was wahr, gut, schön ist“ und eine „zumindest latente Verweigerung von politischer Freiheit“.

Wenn man den Begriff so weit fasst, dann kann aber sogar der sogenannte Neoliberalismus als „fundamentalistisch“ interpretiert werden – was der an den Unis Innsbruck und Klagenfurt lehrende Sozialpsychologe Josef Berghold in der Tat macht: Er diagnostiziert bei diesem ökonomischen Begriffsgebäude „dogmatischen Reinheitswahn“, „grundsätzliche Unmöglichkeit von Dialog und Kompromissen mit anderen Standpunkten und Interessen“ und „Abschottung gegen eine umfassende Prüfung der eigenen Legitimationsquellen“.

Man mag dieser Interpretation folgen oder auch nicht. Aber allein schon die Tatsache, dass „Fundamentalismus“ sogar für Kapitalismuskritik herhalten muss, zeigt deutlich, dass der Begriff viel zu schwammig ist, als dass er der Klarheit des Denkens dienen könnte.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)