Martin Wuttke: "Ich gehe lieber ins Kino!"

Martin Wuttke gehe lieber
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Martin Wuttke inszeniert im Burgtheater-Kasino Luis Buñuels Filmklassiker "Der Würgeengel". Das Theater ist ihm zu kleinmütig und weniger risikofreudig als das Publikum. Ein "Presse"-Interview.

Sie sind seit 2007 auch „Tatort“-Kommissar. Wird man als TV-Star mehr wahrgenommen als am Theater?

Martin Wuttke: Ja, natürlich. In Wien ist allerdings die Aufnahme ganz anders als in Berlin. In Berlin gehört es zum guten Ton, dass man jemanden, den man erkennt, nicht anspricht. In Wien ist es üblich, dass man signalisiert, dass man weiß, wer einem begegnet.

Eine vornehme Abendgesellschaft kann nach einem Fest das Haus nicht verlassen: Das ist der Kern von Luis Buñuels surrealem Filmklassiker „Der Würgeengel“ (1962). Was hält die Leute fest in diesem Haus?

Wenn ich Ihnen das jetzt erklären könnte, hätte der Film keinen Reiz mehr. Buñuel selbst hat die Frage, was denn da wirklich passiert, schlau beantwortet. Er sagte, was man sehen kann, ist, dass eine Gesellschaft ein sehr einfaches Bedürfnis hat, das nicht befriedigt werden kann. Die Leute wollen rausgehen aus dem Haus – und können es nicht. Dabei gucken wir zu. So etwas hat mir immer Spaß gemacht.

Was ist mit übergeordneten Aussagen dieses Films? Spielt die Franco-Zeit eine Rolle? Wollte Buñuel deutlich machen, dass diese Leute in ihrem Gesellschaftssystem gefangen sind? Wollte er eine Form des Surrealismus zelebrieren? Wollte er auf die biblischen „Würgeengel“ hinweisen?

Offensichtlich wirft der Film alle diese Fragen auf. Buñuel hat auf diese Fragen immer nur ausweichend geantwortet. Ich kann Ihnen aber ungefähr sagen, was ich als Regisseur mache. In dem Film kommen die Leute aus der Oper. Im Burgtheater-Kasino wird der Abend so beginnen, dass der letzte Akt dieser Oper bei einer Soiree stattfindet, sozusagen als Hauskonzert. Der Dirigent der Oper, die Künstler sind anwesend, das bietet den ersten Anlass, miteinander zu sprechen. Die geistige, intellektuelle Elite einer Gesellschaft findet sich zu einem Fest zusammen. Zu Festen gehört von jeher der Genuss von Drogen, der sexuelle Übergriff und der intellektuelle Diskurs.

Gibt es außertheatralische Medien?

Nein. Es gibt Video, Musiker, ein großes Orchester. Die Sänger werden live singen. Wir befinden uns mit den Zuschauern auf diesem Fest.

Gehen Sie selber gern ins Theater?

Obwohl ich gerne spiele und das Theater wohl oder übel das Zentrum meines Lebens ist, bin ich kein großer Theatergänger. An einem freien Abend ziehe ich Kino oder Konzert vor.

Gibt es Dinge, die Sie am Theater stören? Finden Sie es altmodisch? Sie hatten doch immer tolle Regisseure.

Ich habe zehn Jahre mit Einar Schleef zusammengearbeitet, dann mit Heiner Müller, Frank Castorf, mit René Pollesch, Christoph Schlingensief. Ich will jetzt gar nicht auf die einzelnen Regisseure eingehen. Aber in der Zusammenarbeit mit ihnen und vor allem an einem Ort wie der Berliner Volksbühne ist mir ein Verständnis von Theater begegnet, das sich nicht auf scheinbar gesicherte Begriffe, wie „Künstler“ oder „Kunstwerk“ stützt, sondern seine künstlerische Autonomie verteidigt und einen anderen Blick auf sich und das, was man wohl die Welt nennt, versucht. Das ist zunächst einmal nicht neu, sondern das sind Auseinandersetzungen, die wir seit hundert Jahren kennen. Aber alle anderen Formen halte ich letzten Endes für inadäquat und antiquiert. Ich finde es erstaunlich und schockierend, wie viele Errungenschaften der Moderne wir nicht mehr nutzen oder vergessen haben.

Das Theater ist zu kleinmütig?

Das Theater kennt sich noch gar nicht richtig. Es war schon einmal weiter. Bleiben wir bei Buñuel: Er hat Technologien und Arbeitsweisen entwickelt. Ich habe mit Bibiana Zeller, die im „Würgeengel“ mitspielt, gesprochen. Sie sagte: „Als wir in den Sechzigerjahren ,Das Goldene Zeitalter' (ein surrealistischer Tonfilm Buñuels von 1930, Red.) sahen, waren die Kinos voll, die Leute haben nächtelang darüber diskutiert.' Wenn man sich heute einen Film anschaut, der einem keine realistische oder naturalistische Kohärenz zeigt, dann sagt man: ,Was soll das? Ich verstehe kein Wort.' Da ist etwas aus den Köpfen verschwunden. Das finde ich verblüffend und auch bedauerlich.

Kühn könnte man aber behaupten, dass Pollesch die Fortsetzung von Buñuel ist, wenn auch mit ganz anderen Mitteln.

Die Volksbühne ist eben ein Ort, an dem man in die Werkzeugkiste gegriffen hat, an vielen anderen Theatern passiert das nicht. Das Entscheidende ist, dass die Kunst aus verschiedenen Perspektiven auf die Welt guckt. Nur dann finden wir ein Verhältnis zu uns, das jenseits der Meinungen stattfindet. Das Theater ist ein reicherer und größerer Raum als man meist sieht. Das Verharren bei der Dominanz der Klassiker ist eine Kapitulation der Gesellschaft vor ihren eigenen Möglichkeiten. Eine reine Kapitulation!

Aber es gab doch noch nie so viele neue Texte wie heute: Drama, Performance, Dramatiker-Wettbewerbe, Poetry Slam, so viele Formen haben sich entwickelt.

Ja, das findet aber in den Schmuddelecken statt. Auf der großen Bühne wird immer noch „Hamlet“ gespielt – und „Wallenstein“ und Tschechow – immer das Gleiche.

Wenn Sie Pollesch auf die große Bühne bringen, kommen zu wenig Leute. Das schreckt Theaterdirektoren vermutlich ab.

Genau das meine ich. Die Berliner Volksbühne spielt vor 1200 Leuten „Schmeiß dein Ego weg“ von Pollesch. In Berlin sind seine Aufführungen voll. Das Publikum ist bei Weitem risikofreudiger als die Theaterdirektoren.

Was machen Sie als nächstes?

Ich habe an der Berliner Volksbühne ein Dreifachprojekt. Ich spiele hintereinander die Titelrollen in drei Molière-Stücken. Die ersten beiden noch in dieser Spielzeit. Den „Eingebildeten Kranken“ inszeniere ich selbst – parallel probiere ich der „Geizige“ in der Regie von Frank Castorf. Dann kommt noch der „Menschenfeind“. Sozusagen Komödie am Fließband.

Beim Gastspiel von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ bei den Wiener Festwochen in Castorfs Regie haben Sie 2005 den Raskolnikow mit gebrochenem Arm gespielt. Woher kommt dieses Feuer, dass man so eine Strapaze auf sich nimmt?

Ja, es sieht dann so aus, als ob das mein persönlicher Heroismus wäre. Aber ich kann Ihnen versichern, ich war nicht scharf drauf, ich hätte es lieber bleiben lassen. Ich wäre lieber im Bett geblieben und hätte ein bisschen vor mich hin gejammert. Aber das ging nicht.

Theater ist gnadenlos.

Sagen wir so: Ich hätte mich vom Arzt krankschreiben lassen können. Aber das Gnadenlose hat auch seinen Reiz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)

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