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Hengstschläger: Raus aus der Durchschnittsfalle

Hengstschlaeger Raus Durchschnittsfalle
Messi
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Die Mittelmäßigkeit ist der Liebling der Österreicher. Das führt das Land in eine evolutionäre Sackgasse, warnt der Genetiker Markus Hengstschläger in seinem neuen Buch.

Es beginnt mit der Sprache. Manche Sachbuchautoren schreiben so, als wollten sie selbst ihren letzten Leser vertreiben. Sie verwenden ein ungeheuer bedeutungsschweres Deutsch, das sie mit semantischem Imponiergehabe und Fachchinesisch bis zur Unlesbarkeit vermanschen. Markus Hengstschläger hingegen scheint nach dem Motto meines Lehrers Walter Wilburg zu handeln: „Letztlich“, sagte der immer, „muss alles ein Volkslied werden.“

Das Buch „Die Durchschnittsfalle“ ist ein solches. Es ist nicht nur verständlich geschrieben, der Autor lässt uns auch noch Seite für Seite am Erkenntniszuwachs seiner laufenden Arbeit teilhaben. Im Dialogstil: Man begreift, weshalb schon sein Bestseller „Die Macht der Gene“ zum beliebtesten Sachbuch aus dem Bereich Wissen gewählt worden ist. Würden alle Forscher so schreiben, habe ich mir bei der äußerst spannenden Lektüre gedacht, hätten die Österreicher mit Wissenschaft und Forschung vermutlich mehr am Hut.

In der Sache geht es um das Talent, also um das individuelle, besondere Wissen, Können und Handeln-Wollen jedes Einzelnen. Sofort fallen einem Plácido Domingo ein und Elīna Garanča, was die Stimme betrifft, oder Lionel Messi bei den Fußballern. „So ein Talent“, sagen die einen, „hat man, oder hat man nicht.“ „Aber nein“, sagen die anderen, „alles kommt nur vom Üben, Üben und wieder Üben.“

Tatsächlich gibt es kein Stimm-gen und auch kein Gen für Kicker. Talente haben viele Ursachen, auch schon im Reich der Gene. Hengstschläger verwendet das Bild der zahlreichen Stricke, die zu einem dicken Seil gewunden werden. Weil herausragende Talente und Leistungen nicht ohne Temperament, Ausdauer, Disziplin, emotionale Stabilität denkbar sind. Dafür hat man nun tatsächlich einzelne Gene bzw. Proteine oder Botenstoffe festgestellt. Erst dann kommt noch die Umwelt dazu. Also das „Üben“. Hengstschläger meidet die beiden Extrempositionen zwischen Talent und Umwelt und nimmt generell eine Mischung von 50:50 an. Mit zum Teil starken Abweichungen. Bei der Stimme und bei körperlichen Eigenschaften ist der Einfluss der Gene größer als etwa beim Handwerk oder bei Managementleistungen.

 

Talente nicht werten

Schon hier liefert der Autor eine Reihe von interessanten Teilerkenntnissen. So nehmen wir nach Hengstschläger nicht die Talente wahr, sondern nur die Erfolge, die wir mit ihrer Hilfe erzielen. Oder: Talente können nicht gewertet werden, weil wir nicht wissen, welches Talent in der Zukunft von Bedeutung sein wird. Schließlich hat jeder Mensch das Recht, seine Talente zu ignorieren, ebenso wie fehlende Leistungsvoraussetzungen durch größeren, persönlichen Einsatz zu kompensieren. Das heißt, dass genetische Grenzen nicht absolut sind. Beim entscheidenden Talent, der „Kreativität“, beruhigt der Autor gleichfalls. Dieses sei zwar stark genetisch bedingt, doch gebe es eine Vielzahl von Kreativitätsfeldern, sodass praktisch jeder Mensch auf irgendeinem Gebiet kreativ sein kann.

Diesem Talent steht der Durchschnitt gegenüber. Er ist der Liebling der Österreicher. Es ist so beruhigend, im Mainstream zu schwimmen, nicht aufzufallen, sich nicht besonders anstrengen zu müssen. So ist die Mittelmäßigkeit seit fast 250 Jahren unser wichtigstes Bildungsziel. Der frontale Einheitsunterricht Maria Theresias, der keine individuelle Förderung kennt, gilt heute immer noch. Und immer noch beschäftigen sich unsere LehrerInnen zu 80 Prozent mit dem, was Kinder nicht können. Für die Förderung ihrer Stärken und Talente bleibt kaum noch Zeit. Kommt ein Schüler mit zwei schlechten Noten und einer guten nach Hause, drängen die Eltern darauf, dass er sich nur noch dort anstrengt, wo er schlecht ist, denn im anderen Gegenstand hat er ohnedies schon eine gute Note. Schließlich soll er überall möglichst gleich sein.

Dieser Durchschnitt ist aber eine evolutionäre Sackgasse. Die Zukunft kann man nur durch Individualität gewinnen, ist Hengstschläger überzeugt. Aus einem einfachen Grund: Wenn man bei jedem Kind die jeweils speziellen Begabungen fördert, dann ist die Chance, dass eines dieser Talente für die künftige Entwicklung besonders wichtig ist, weitaus größer, als wenn die Zukunftsfähigkeit des Landes dem einförmigen Durchschnitt überlassen wird. Dazu kommt, dass nur der Einzelne außerordentliche Leistungen erbringen kann. Durch sein schöpferisches Streben nach dem Neuen, dem noch nicht Dagewesenen. Und durch seine Fähigkeit, eingefahrene Bahnen zu verlassen.

 

Vielfalt der Herkünfte

Das alles setzt Vielfalt der Herkünfte voraus, anstelle der Monotonie einer einzigen Schicht von „Bildungsbürgen“. Daher drängt Markus Hengstschläger darauf, nicht länger die vielen schlummernden Talente der bildungsfernen Schichten zu vergeuden, sondern größte Anstrengungen zu unternehmen, um ihre Begabungen festzustellen und sie zu besonderen Leistungen zu motivieren. Damit ist er einer der ganz wenigen in diesem Lande, die das große, bislang unberührte Potenzial der Bildungsfernen nutzen wollen. Schon dafür sind wir ihm zu Dank verpflichtet.

Markus Hengstschläger ist mit der „Durchschnittsfalle“ ein weiteres brillantes Buch gelungen, das einen gangbaren und zugleich faszinierenden Ausweg aus der österreichischen Kultur der Mittelmäßigkeit aufzeigt. Wir dürfen uns auf die schon bald einsetzende Diskussion darüber freuen.


Bernd Schilcher gilt als ÖVP-Bildungsexperte und war einer der Mitinitiatoren des Bildungsvolksbegehrens.

Das Buch

Markus Hengstschläger ist kein Freund des Durchschnitts. Nun hat der Spitzenforscher seine Überlegungen in ein Buch gepackt: „Die Durchschnittsfalle“ (Ecowin Verlag, 185 Seiten, 21,90 Euro) wird heute, Montag, präsentiert. Der gebürtige Linzer ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Med-Uni Wien und Mitglied des Forschungsrats.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2012)