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Nachruf: Rolf Kutschera, Musical-Pionier

(c) APA (GUENTER R. ARTINGER)
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Der Schauspieler, Theatermacher und Impresario Rolf Kutschera starb im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Wien. Sein Name steht für eine Musical-Tradition, die es in Wien schon in den Sechzigerjahren gab.

Rolf Kutschera ist tot. Sein Name steht für eine – später leider pervertierte – Musical-Tradition, die es in Wien allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz schon in den Sechzigerjahren gab. Als erfolgreichen Schauspieler hatte man Kutschera 1963 mit der Führung des im Vorjahr wieder eröffneten Theaters an der Wien betraut. Und es gelang ihm, dort neben den beiden Opernhäusern ein drittes Musiktheater zu etablieren, das eine echte Bereicherung des Wiener Angebots darstellte.

Wenn heutzutage in Wien das Wort „Musical“ mit jenem Kommerzprodukt in Verbindung gebracht wird, das in aller Welt zur Geldgewinnung in Massenfabrikation geboten wird, dann vergisst man die Geschichte des Theaters an der Wien der Kutschera-Zeit. Erst nach dessen Abgang subventionierte man Kommerzschrott, der sich anderswo selbst finanzieren muss, mit Steuermillionen. Was der legendäre Impresario zuvor geleistet hatte, war das Gegenteil solcher Verschwendung.

Kutschera stand für Produktionen der erlesensten Exemplare des Genres – Loewes „My Fair Lady“ etwa, die er mit Publikumslieblingen zu Serienerfolgen führte. Und er stand für Begegnungen mit weniger bekannten Titeln, die erwiesen, dass sich zu solchen Klassikern exquisite Gegenstücke finden ließen – etwa Cole Porters „Can Can“, in dem Vico Torriani sich vom TV- in einen Bühnenstar verwandeln durfte.

Zwischendrin gelangen Wiener Erstaufführungen, die zu Legendenbildung taugten, ob Yossi Yadins Milchmann Tevje in „Anatevka“ oder Josef Meinrads „Mann von La Mancha“ – wer sie erleben durfte, zählt sie zu den großen Theater-Erlebnissen, die Wien in jener Zeit zu bieten hatte.

In Kutscheras Ära wagte man sich allerdings auch an Uraufführungen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass George Bernard Shaws Erfolgsstück „Helden“ die erste Sprechtheaterproduktion des Theaters an der Wien war, die nach der Renovierung, 1962, einstudiert wurde. Das Stück diente zehn Jahre später als Vorlage für einen echten österreichischen Musical-Erfolg: Von den Erben Shaws torpediert, siegten Udo Jürgens' Melodien und Michael Heltaus Schauspielkunst in der Rolle des Bluntschli über alle Misshelligkeiten.

So war das, als man sich in Wien wirklich noch ans Musical wagte. Nicht zuletzt deshalb werden wir Rolf Kutschera nicht vergessen. sin