„Umfassend“ ist das Breitband-Antibiotikum unter den Floskeln, der Lionel Messi der Beschwichtigung.
Geht Ihnen alles zu schnell? Blicken Sie bei den Dingen nicht mehr richtig durch? Sind Sie ständig überfordert? Und erwartet man von Ihnen, dass Sie öffentlich klärende Worte zu alledem finden? Kein Grund zur Panik: Ein Modewort befreit Sie aus Ihrer Not, ganz gleich, wie groß die sein mag und ob es aus ihr einen Ausweg gibt oder nicht. „Umfassend“: Wohl kaum ein Wort fällt derzeit in politischen Reden, auf Diskussionspodien und in Aussendungen zur öffentlichen Fremdbildpflege so häufig. Der Herr Minister will sich und der Journalistenmeute nicht eingestehen, dass er von Tuten und Blasen keine Ahnung hat; die Frau Finanzvorstand muss dem Betriebsrat klar machen, dass leider, leider (Krise und so) der eine oder andere Mitarbeiter gehen muss; der EU-Kommissar versucht, die flüchtigen Spekulanten zu zäumen: Sie alle wählen die „umfassende Herangehensweise“, zu Englisch, was bekanntlich immer fescher klingt: „comprehensive approach“. Das ist zwar in beiden Sprachen ein eher schiefes Wortbild, denn wie soll man etwas umfassen, von dem man noch ein Stück weit entfernt ist? Für den Augenblick aber reicht es, und Zeiten allgemeiner – um nicht zu sagen: umfassender – Verstörung misst man nun einmal in Augenblicken. Als Variante bietet sich das „comprehensive package“ an, wobei man jenen Zeitgenossen, die von so einem Paket umfasst werden, nur wünschen kann, dass es ausreichend viele Luftlöcher zum Atmen hat.
„Umfassend“ ist das Breitband-Antibiotikum unter den Floskeln, der Lionel Messi der Beschwichtigung, unaufhaltsam scheint sein Erfolg. Was noch im letzten Jahrzehnt „nachhaltig“ war, soll nun „umfassend“ sein. Mit beidem sagt man nichts, wenn man nichts zu sagen hat. Es klingt aber viel besser.
E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2012)