Ein Haus in Brüssel ringt ab 2014 mit Europas Vergangenheit. Das „Haus der Europäischen Geschichte“ soll eine gemeinsame Narrative Europas im 20. Jahrhundert weben.
Brüssel. Das Christentum entstand im 4. Jahrhundert nach Christus; der Kolonialismus war für Europas wirtschaftliche Entwicklung eine tolle Sache; der Widerstand der Polen gegen die deutschen Besatzer war 1939 erloschen: Das sind nur einige der teils problematischen, teils völlig falschen historischen Grundlinien, auf denen ab Sommer 2014 ein „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel selbige für die Besucher der EU-Hauptstadt anschaulich machen soll.
Seit dem Jahr 2008 hatte Hans Gert Pöttering, damals noch Präsident des Europäischen Parlaments, auf die Gründung dieses Museums gedrängt. Am Mittwoch verkündete er den diesbezüglichen Fortschritt und bekundete seine Zuversicht, dass diverse historische Kontroversen überwindbar seien: „Natürlich wurde die Sowjetunion angegriffen. Aber sie war als totalitäres System genauso abstoßend wie der Nationalsozialismus“, sagte Pöttering zur „Presse“.
Der laufende Streit zwischen Frankreich und der Türkei um den Massenmord an den Armeniern im Osmanischen Reich führt in grellen Farben vor Augen, wie sehr sich Geschichte politisch missbrauchen lässt. Das „Haus der Europäischen Geschichte“ soll eine gemeinsame Narrative Europas im 20. Jahrhundert weben, die im Einigungswerk der EU ihren friedvollen Fluchtpunkt findet. 31 Millionen Euro fließen aus dem Budget des EU-Parlaments für Renovierung und Ausbau des Eastman-Gebäudes im Leopold-Park, dazu kommen 21,4 Millionen Euro für die Gestaltung der 4800 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsräume sowie 3,75 Millionen Euro für den Aufbau einer dauerhaften Sammlung. Ein wissenschaftlicher Beirat von Historikern aus mehreren Staaten soll die Seriosität des Museums garantieren.
Grundkonzept wird überarbeitet
Die erwähnten Beispiele zeigen aber, wie schwer es fällt, eine politisch korrekte Version der oft sehr blutigen Geschichte Europas zu finden – von erstaunlichen Fehlern abgesehen: Wäre zum Beispiel der polnische Widerstand gegen die Nazis 1939 tatsächlich erloschen, wie hätte es dann 1944 den Warschauer Aufstand geben können oder jenen der Ghetto-Insassen ein Jahr zuvor? Und kann man angesichts 57 Ermordeter beim Posener Arbeiteraufstand von 1956 gegen die stalinistischen Machthaber ernsthaft von einer „politischen Lösung“ sprechen? Die unkritische Darstellung des Kolonialismus wirkt nicht zuletzt angesichts des Standorts des Museums zynisch: Der Leopold-Park ist Teil jenes einstigen Brüsseler Prachtviertels, das König Leopold II. mit den Einnahmen aus der grausamen Ausbeutung des Kongo bezahlt hatte.
Kritik, die den Organisatoren bewusst ist: „Das Grundkonzept wird vom Beirat bis Mai oder Juni überarbeitet“, sagte eine Parlamentssprecherin auf Anfrage der „Presse“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)