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Psychologie: Das positive Denken ist in die Sprache eingebaut

(c) AP (Charles Krupa)
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Zumindest im Gebrauch des Englischen überwiegen Wörter, die mit „Glück“ verbunden werden. Das könnte daran liegen, dass der Mensch als „Homo narrativus“ sozialen Zusammenhalt schafft.

„Only bad news are good news.“ Das ist das Gesetz der Medien. Aber auch Kaffeehausgespräche – bzw. ihre Nachfolger: Twittereien – widmen sich bevorzugt den Übeln des Lebens und der Welt. Das meint man wenigstens. Aber es ist nicht so, zumindest in der englischsprachigen Welt: Dort überwiegen die mit „Glück“ besetzten Wörter sowohl in den Schlagzeilen wie in den privaten Unterhaltungen. Zu diesem Befund kommt Christopher Danforth (University of Vermont), er kann ihn mit reichem Material unterlegen: Analysiert wurden 20 Jahrgänge der New York Times, Texte der Popmusik der letzten 50 Jahre und der Literatur der letzten fast 500 Jahre – im „Google Books Project“ können 3,3 Millionen Bücher seit dem Jahr 1520 elektronisch durchstöbert werden –, und 821 Millionen Twittereien der vergangenen Jahre.

Aus jedem Bereich wurden die 5000 am meisten verwendeten Wörter herausgefiltert, dann aus diesen 20.000 die 10.000, die in allen vier Bereichen herausstachen. Dabei wurden alle Wörter erfasst, von neutralen („and“) bis zu hoch emotionalen. Mit solchen haben andere Forscher früher schon das Sprechverhalten analysiert, sie fanden ein Überwiegen der negativ besetzten Wörter. Aber sie hatten die Testwörter selbst ausgewählt. Danforth wandte sich stattdessen an eine neutrale Instanz, den „Mechanical Turk“, das ist ein Marktplatz, auf dem Dienstleistungen gehandelt werden (www.mturk.com). Benannt ist er nach einem angeblichen Schachautomaten, in dem in Wahrheit ein Mensch saß, aber er funktioniert gerade umgekehrt: Menschen übernehmen Aufgaben, mit denen sich Computer schwertun. Sie erledigen das am PC, über ihn werden diese Arbeitskräfte auch rekrutiert.

 

Forscherhilfe vom „Mechanical Turk“

Danforth ließ vom „Mechanical Turk“ den emotionalen Gehalt der 10.000 Wörter danach bewerten, ob sie eher mit Glück verbunden sind oder mit Unglück. Die Skala war neunteilig, neutrale Wörter wie „and“ wurden in die Mitte gereiht, bei anderen – „alcohol“, „tobacco“, „capitalism“, „socialism“, aber auch „Beatles“ und „iPhone“ – gab es so unterschiedliche Assoziationen, negative und positive, dass sie sich in Summe ausglichen. Wieder andere waren eindeutig, ganz oben beim „Glück“ rangierten „laughter“ (8,5) und „food“ (7,4), ganz unten beim Unglück „greed“ (3,0) und „terrorist“ (1,3).

Jetzt konnte endlich ausgezählt werden: Die mit Glück verbundenen Wörter überwogen, und zwar sowohl in der Gesamtbilanz wie in allen vier Teilbereichen. Am stärksten zeigt sich das in der New York Times und im „Google Books Project“ (jeweils 78% der Wörter waren positiv besetzt), schwächer bei Twitter (72%), am schwächsten in den Songtexten (64%). „Das Englische hat eine starke Vorliebe für das Positive“, schließen die Forscher (PLoS One, 11.1.).

Sie regen die Analysen anderer Sprachen an, vermuten aber ein allgemeines Gesetz – es wurde in den 1960er-Jahren schon postuliert, als „Pollyanna-Hypothese“ – und erklären es damit, dass der Mensch kein kalt rationaler „Homo oeconomicus“ ist, sondern ein auf wärmende Kommunikation und Gesellschaft setzender „Homo narrativus“.

Wie auch immer, das langfristig freundliche Bild der Sprache unterliegt kurzfristigen Schwankungen wie die Konjunktur, das haben die Forscher früher schon erhoben: Bei Twitter hat sich die Laune in den letzten Jahren eingetrübt, diese Kommunikationsform reagiert rasch. Das Negative reckte sich im Sprachgebrauch vor allem bei der Finanzkrise, dem Erdbeben in Japan und, am stärksten, beim Tod von Michael Jackson.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2012)