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Amerika darf nicht Europa werden

(c) REUTERS (NIKOLA SOLIC)

Im republikanischen Wahlkampf machen die Kandidaten mit antieuropäischen Ressentiments Stimmung. Sie werfen dem Präsidenten Barack Obama vor, das Land in einen europäischen Wohlfahrtsstaat zu verwandeln.

Washington. Tagelang weideten sich die Nachrichtenshows in den USA an dem Bild: Die Costa Concordia, das vor der italienischen Küste wie ein Wal gestrandete Kreuzfahrt-Monstrum, durch mutmaßliche Fahrlässigkeit des Kapitäns an ein Riff gelaufen, ließ die Amerikaner erschaudern. Darin schwang ein wenig mehr mit als Sensationslust, der Subtext lautete: Was, wenn Europa auf Grund läuft? Geht der Euro unter? Zieht die EU in der Folge auch die US-Wirtschaft in den Strudel?
Kaum glaubt die Nation, die schwerste Wirtschaftskrise seit der Depression hinter sich gelassen zu haben, versinnbildlichten die Aufnahmen die manifeste Angst vor einem Rückfall in die Rezession. „Wie geht es weiter mit dem Euro?“, fragen plötzlich Durchschnittsamerikaner, die sich selten um die Belange des Alten Kontinents kümmerten.

Für den Wahlkampf der Republikaner kamen die Bilder indessen gerade recht. Mitt Romney und Newt Gingrich treiben ihr Spiel mit der Angst. Präsident Barack Obama ist seit der umstrittenen Gesundheitsreform ohnedies als „Europäer“, mithin als „Sozialist“, punziert, regelrecht verhasst von der Tea Party und dem rechten Flügel der „Grand Old Party“. In der US-Diktion ist der Terminus „Sozialist“ de facto mit „Kommunist“ gleichzusetzen.

„Der Präsident holt sich seine Inspiration aus den Hauptstädten Europas, wir blicken dagegen auf die Städte und Dörfer Amerikas“, donnerte Romney bei seiner Siegesrede nach der Vorwahl in New Hampshire in den Saal. Er wolle die USA in einen europäischen Wohlfahrtsstaat umwandeln. „Wir steuern in die Richtung von Griechenland, Italien und Spanien“, malte der Favorit im republikanischen Vorwahlkampf ein Horrorszenario aus – ein Menetekel, das selbst in den geschmähten Eliten Washingtons und New Yorks verbreitet ist. Romney setzte noch eins drauf: „Europa funktioniert nicht einmal in Europa. Ich möchte, dass Amerika vollkommen amerikanisch bleibt.“

Anti-Frankreich-Reflex

Das sagte ausgerechnet einer, der in den bewegten 1960er-Jahren zwei Jahre als Mormonen-Missionar in Frankreich verbracht hat und noch immer leidlich Französisch spricht. Was wiederum gleich den Anti-Frankreich-Reflex in den USA weckte, der seit der Brüskierung George W. Bushs im Irak-Krieg durch Frankreichs Präsident Jacques Chirac immer noch ausgeprägt ist. In TV-Spots ließ Gingrich seinen Kontrahenten  prompt Französisch parlieren – und grinste dazu schelmisch.

Die Szene rief Assoziationen zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten und Bush-Gegner John Kerry wach. 2004 hatte die republikanische Propagandamaschinerie den Senator aus dem liberalen Neuengland-Staat als windelweichen Patrizier mit Französischkenntnissen porträtiert, als einen, der nicht in das Schema des „Middle America“ passt. Dabei haben Präsidenten wie Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy oder Lyndon B. Johnson Elemente eines europäischen Wohlfahrtsmodells in die US-Politik verpflanzt. Und Obama ist der erste US-Präsident, der mehr den Pazifik im Auge hat.


Das antieuropäische Ressentiment sei ein Code gegen Etatismus, erklärt Thomas Kleine-Brockhoff vom German Marshall Fund in Washington, das in Wellen auftauche – als Gegenbild zur europäischen „Dekadenz“. In einem euphemistischen Narrativ verstanden sich die USA von Anfang an als ein Hort der Tugend und Unschuld. Amerika ist gewissermaßen als Antithese zu Europa entstanden, besiedelt von Auswanderern, die der Repression des Feudalsystems entflohen.

Bei einem Auftritt in der Brookings Institution, der führenden Denkfabrik Washingtons, rückte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle neulich die Dimensionen zurecht. Er erinnerte daran, dass der Kommunismus in Europa 1989 untergegangen sei und dass mittlerweile Konservative in einer Mehrheit der EU-Staaten regieren – ganz zu schweigen von Margaret Thatcher, der konservativen Säulenheiligen. Brookings-Experte Thomas Mann tut die antieuropäische Aufwallung süffisant als Verrücktheit der „silly season“, des Wahlkampfs, ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2012)