Kostümwerkstätten: "Künstler mit Managertalent" gesucht

(c) FABRY Clemens
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Annette Beaufays, Leiterin der Kostümwerkstätten, geht in Pension. Mit der "Presse" sprach sie über Mode, Rationalisierung, Anforderungen an ihre Nachfolger und ihre Sympathie für die junge Generation.

Die Presse: Was hat sich bei den Kostümen verändert? Es wird mehr Alltagskleidung verwendet.

Annette Beaufays: Es gibt nur mehr sehr wenige Werkstätten auf der Welt, in denen man das machen kann, was wir leisten. Es ist richtig, dass es eine Zeitlang, vor allem im Schauspiel, viel Alltagskleidung gegeben hat, vor allem die schwarzen Anzüge waren beliebt. Aber in der letzten Zeit verändert sich das wieder, und es sind ausgefallenere Kostüme gefragt. Es ist wichtig, dass es die Werkstätten gibt, in denen man Leute hat, die diese Handwerkstechniken noch beherrschen.

Man hat den Eindruck, die Mode wird konservativer – der Dress-Code wird wieder wichtig.

Das gilt vielleicht für Banker und andere Businessleute, mit uns hat das nichts zu tun. Bei uns sind das wirklich Fantasiereisen. Wir richten uns nach den Wünschen der Regisseure, der Bühnen- und Kostümbildner. Ich habe mich eine Zeit lang mit Businessmode beschäftigt. Ich fand das sehr interessant, aber es war mir zu militant.

1999 wurden die Bundestheater ausgegliedert, die Werkstätten sind heute in der „Art for Art“-GesmbH angesiedelt. Gab es Rationalisierungen?

Es gab sehr große Veränderungen. Früher gab es für fünf Schneider eine Nähmaschine, daher entsprechende Wartezeiten. Ich stelle heute mit 78 Handwerkern genauso viel Kostüme her wie 2000 mit 118, 1993 waren es sogar 140. Früher wurden 120 Arbeitsstunden für ein Kostüm aufgewendet, heute sind es im Durchschnitt 30 bis 35. Für die Mitarbeiter bedeutet das viel mehr Stress. Es gibt aber auch neue Verarbeitungstechniken, das fängt beim Knopfloch an. Wir haben Ordnung gemacht, den Fundus renoviert, sodass man damit arbeiten kann.

Kostüme waren früher viel schwerer als heute. Dafür müssen Künstlerinnen heute z. B. stundenlang mit Stilettos über die abgeschrägte Bühne marschieren. Weigern sich manche?

Kostüme sind nicht mehr so schwere Kisten wie früher. Das oberste Gebot ist und bleibt, dass Sänger, Tänzer und Schauspieler sich in ihren Kostümen bewegen, singen, spielen und tanzen können. Wenn sie das nicht können, muss man sich etwas anderes überlegen. Es wird ja auch jedes Kostüm auf jeden Künstler abgestimmt. Es gibt rundliche und schlanke, solche, die protestieren, und andere, die sich auf alle Anforderungen einstellen. Trotzdem ist man immer wieder aufgeregt und froh, wenn die Sachen auf der Bühne sind und alles funktioniert.

Bereitet Ihnen diese Perfektion manchmal schlaflose Nächte? Müssen Sie abends anwesend sein, falls es Probleme, Pannen gibt?

Früher schon, es hat ja keine Handys gegeben, jetzt nicht mehr. Wir hatten diese Valentino-Kostüme beim Neujahrskonzert 2009. Die waren mit Tüll überzogen. Ich dachte, was mache ich, wenn es da auch nur den kleinsten Riss gibt. Das hätte man nicht flicken können, im Fernsehen sieht man ja mit der neuen HD-Technik alles. Als die Live-Einspielung vorbei war, sind uns nur so die Steine vom Herzen gefallen.

Was muss Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger können? Kann das auch ein Manager sein?

Auf keinen Fall. Das kann kein Manager. Es muss ein Künstler sein, der sich mit Management auskennt, aber auch mit Materialien, Stilen, Formen, Farben. Ich gebe, wenn sich bei mir Leute bewerben, nicht viel auf Lebensläufe. Man muss diese Arbeit lieben und wissen, das ist kein Job, wo man hineingeht und nach acht Stunden wieder heim. Die ersten Jahre habe ich 16 Stunden pro Tag hier verbracht. Wenn jemand am Theater arbeitet, will er das und braucht es.

Die Frage ist, ob die heutigen Computerkids noch das Theater brauchen werden.

Man hört so viel Negatives über die Jugend. Ich kann das überhaupt nicht unterstützen. Ich unterrichte am Konservatorium die Schauspielklasse für Kostüm, 50 bis 60 Schüler hatte ich bisher. Ich bin immer wieder erstaunt, wie interessiert sie sind, außerdem liebevoll und höflich. Man kann sehr gut mit ihnen arbeiten. Sie freuen sich, wenn man ihnen etwas beibringt.

Was werden Sie künftig machen?

Kennen Sie diesen Spot von Loriot? Wo er sitzt und seine Frau fragt ihn die ganze Zeit, was er denn mache – und er sagt: Ich sitze! Auch ich werde zunächst einmal sitzen; und dann nehme ich mir mit meinem Mann ein One-Way-Ticket nach Neuseeland, und wir fahren schön langsam zurück – und dann wird man weitersehen.

Auf einen Blick

Annette Beaufays, 1949 in Westfalen geboren, absolvierte die Modeschule Hetzendorf. Sie war 22 Jahre als Kostümbildnerin tätig, betrieb Boutiquen, bevor sie 1993 die Kostümwerkstätten der Bundestheater übernahm. Seit 1999 sind die Werkstätten in der Theater Service GesmbH „Art for Art“ organisiert, die auch Fremdaufträge (z. B. für Heller-Shows) übernimmt. Die Führung der Kostümwerkstätte ist ausgeschrieben, sie soll spätestens mit 1.9.2013 neu besetzt werden; Bewerbungen bis 31.3.2012 an „Art for Art“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2012)

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