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Gutjahr: „Im Netz muss man Erster oder Bester sein“

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Der deutsche Blogger und Fernsehmann Richard Gutjahr erzählte in Wien, wie man im Internet zur Marke wird. Er arbeitet heute beim BR, richtig bekannt hat ihn aber sein Tech-Blog gemacht.

Es ist ein Phänomen: Sobald es um das Thema Internet geht, werden mit Vorliebe abstruse Beispiele hervorgekramt, um zu zeigen, womit der kreative Nobody im Handumdrehen die Massen begeistern kann. Auch Richard Gutjahr kann es bei seinem Vortrag in Wien nicht lassen und erzählt von Webwundern wie dem deutschen Schüler Sami, der mit Hautpflegetipps als „Mr. Tutorial“ zum YouTube-Helden wurde und von der Amerikanerin iJustine, deren Sketches auf YouTube 20 Millionen Mal angesehen werden.

Im Grunde braucht der Münchner Richard Gutjahr keine Web-Beispiele, um seine eigene Geschichte zu erzählen: Die vom Nachrichtenmoderator beim Bayerischen Rundfunk (BR), der zum prominenten Blogger wurde und nun anderen erklärt, wie sie im Web zur Marke werden. Er arbeitet heute noch beim BR, richtig bekannt hat ihn aber sein Tech-Blog gemacht. Heute habe er zwei verschiedene Visitenkarten, erzählt er: eine, die ihn als Mitglied der Chefredaktion im BR ausweist, und die andere, auf der er nur Blogger ist. Früher habe ihm die klassische Visitenkarte alle Türen geöffnet, heute sei es die andere Karte, die ihn weiterbringt.

Wie wird man also zur Marke im Web? Gutjahrs Handlungsanleitung klingt einfach: Such dir ein Thema. Hör und schau dich in dem Bereich um, frag dich: Gibt es Experten? Wie groß ist die Konkurrenz? Bau dir Vertriebskanäle wie Facebook, Twitter etc. und: „Sei entweder stets der Erste oder der Beste in einem Thema.“ Er rät auch fix angestellten Journalisten im TV oder Print, einen eigenen Blog zu betreiben und dort Texte, Videos, Fotostrecken zu veröffentlichen – und nicht zu vergessen, dass die halbe Arbeit erst nach der Veröffentlichung beginnt. Dann muss das Geschriebene oder Gefilmte über die Vertriebskanäle verbreitet werden und die Kommunikation mit dem Leser starten.

Dass klassische Medien in starren Mustern Bericht erstatten, zeigt auch Kritik von Zusehern, wie etwa die, wieso der BR zu Sommerferienbeginn stets von derselben Autobahnbrücke aus den Reiseverkehr abfilme. Es sei „grauenhaft, dass wir so durchschaubar sind“, so Gutjahr. „So werden wir irrelevant für unsere Leser und Zuseher.“

 

Die Zukunft ist der „Tradigital journalist“

Mit dem intensiven Bloggen begann er erst 2010. Weil sein Arbeitgeber das Erscheinen des ersten iPads in den USA nicht berichtenswert fand, nahm er sich Urlaub, setzte sich mit Kamera und Isomatte 20 Stunden in die Warteschlange vor dem Apple-Store in der Fifth Avenue in New York und stellte die Filmchen ins Netz. Durch Zufall ging das erste verkaufte iPad an ihn, seine Geschichte machte in Deutschland die Runde, allerdings erntete er von seinem Arbeitgeber auch Kritik. Gutjahr ist überzeugt, dass die neue Medienwelt die alte nicht ablösen wird, sondern dass beide verschmelzen werden. „Die Frage ist nur, ob Medien wie der BR in dieser neuen Welt noch eine Rolle spielen.“

Gutjahr ist einer von vielen Dozenten, die künftig im neu eröffneten Forum Journalismus und Medien Wien (fjum) vortragen werden. Diese Woche hält er auch einen Workshop über Videos im Web (1. und 2.2., 470Euro). Fjum-Chefin Daniela Kraus will mit ihrem Programm die heimische Medienszene aufwecken. Noch heuer holt sie etwa Chris Moran vom „Guardian“ und Sree Sreenivasan von der New Yorker Columbia University nach Wien. Der Social-Media-Experte gibt gewissermaßen das Motto für das fjum vor. Er glaubt, die Zukunft der Medien sei der „Tradigital Journalist“: ein Journalist, der das traditionelle Handwerk gelernt hat, aber bereit ist, digitale Werkzeuge zu nutzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)