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Österreich ist zum Aschenbecher Europas geworden

Die Tabakindustrie und ihre Helfershelfer wollen die Raucher als freiheitsliebend darstellen und die Nichtraucher als Fundis verteufeln.

Die Tabakindustrie und ihre Helfershelfer verfolgen eine klare Geschäftsstrategie: Raucher als genussfreudig, freiheitsliebend, mutig, sportlich, sexy etc. darzustellen und Nichtraucher als das Gegenteil. Alle, die ihr Recht auf reine Atemluft einfordern, werden als Fundis oder Blockwarte in die Ecke des Fanatismus gestellt (siehe Peter Kampits' „Der Heilige Krieg der heutigen Blockwarte gegen die Raucher“, „Die Presse“ vom 28.Jänner).

Zudem wird versucht, Kindern das Rauchen als normales Verhalten aller Erwachsenen zu zeigen, in Lokalen ebenso wie in Filmen. Denn die Tabakindustrie weiß: Je früher sie Kinder zum Rauchen verführt, desto schwerer werden sie später davon wieder loskommen.

Tatsächlich ist der Raucher der ewige Säugling, der sich nicht eingesteht, dass er aufgrund seiner Abhängigkeit zur nächsten Zigarette greifen muss. Vor diesem Selbstmord in Raten muss ich als Arzt auch den uneinsichtigen Raucher zu schützen versuchen. Aber Aufgabe des Staates ist es, Mord durch Passivrauch zu verhindern.

Nur ein suchtkrankes Gehirn wird das als Überregulierung mit Bananenkrümmung und Glühbirnenverbot vergleichen. Denn dann könnten wir auch die Straßenverkehrsordnung und alle anderen Gesetze abschaffen, die Gesundheit und Leben vor rücksichtslosen Mitmenschen schützen.

 

Passivrauch „nur“ Belästigung

Das Tabakgesetz hatte Kdolsky in Absprache mit der Wirtschaftskammer zum Scheitern programmiert, indem sie den Nichtraucherschutz durch viele Ausnahmen schwer überwachbar machte und die Kontrolle den Opfern aufbürdete, die jetzt – wie die Krebspatienten – als Denunzianten diffamiert werden. Vor unseren Nachbarn in Südtirol, Bayern, Slowenien und Ungarn müssten wir schamrot werden.

In Österreich wird Passivrauch noch immer nicht als Gesundheitsgefährdung, sondern nur als Belästigung gesehen. Der Tabakindustrie ist es hier gelungen, Rauchen als Ausdruck persönlicher Freiheit gesellschaftsfähig zu halten und Verbote mit dem Überwachungsstaat zu assoziieren. Sogar die Nazis werden in diesem Zusammenhang genannt, obwohl es ein sozialdemokratischer Internist war, der in den 1920er-Jahren den Begriff „Passivrauchen“ prägte.

 

Gehirnwäsche der Tabakindustrie

Die Nazi-Argumente werden von abhängigen Rauchern in Unkenntnis historischer Fakten gerne angenommen. Sie verwechseln außerdem Freiheit mit Anarchie, Disziplin- und Rücksichtslosigkeit: Die Regeln eines geordneten Zusammenlebens werden als Bevormundung bezeichnet, weil sie ihre Sucht nicht jederzeit und überall befriedigen können.

Besonders grotesk werden die Argumente eines Philosophen und medizinischen Laien dann, wenn er experimentelle und epidemiologische Studien als „statistisches Konstrukt“ bezeichnet und von der Anbetung der Gesundheit als religiöses Dogma spricht.

Zunächst war ich entsetzt, dass „Die Presse“ ein solches Pamphlet abdruckt. Aber vielleicht war das sogar nötig, um zu zeigen, wozu die Gehirnwäsche der Tabakindustrie fähig ist und um unserer reaktionären Tabakpolitik ihre Rückständigkeit vor Augen zu führen.

Beim letzten EU-Rating landeten wir auf diesem Sektor bereits auf dem letzten Platz, erzielten bei den Raucherquoten von Kindern einen Spitzenplatz. Von Nord- und Westeuropa werden wir zunehmend als korruptes Balkanland betrachtet, in dem Gesundheits- und Jugendschutz einen geringeren Stellenwert haben als die Geschäfte der Tabakindustrie – mit einem Wort: dass wir der Aschenbecher Europas sind.

Univ.-Prof. Dr. Manfred Neuberger ist Ordinarius für Umwelthygiene an der Med. Universität Wien.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)