Seit Heinrich Hoffmanns Bestseller 1845 hat sich manches verändert: mehr Freiheit und Witz, weniger Repression, immer noch viel Didaktik – und manchmal sogar eine Prise Kunst.
Abgeschnittene Finger, verhungerte oder abgebrannte Kinder wie im „Struwwelpeter“ gibt es heute in Bilderbüchern nicht mehr – und ebenso wenig wird ungezogener Nachwuchs zu Getreide gemahlen wie in „Max und Moritz“. „Die ruppige Vorstellung, dass Kinder robust gemacht werden müssen für ein schweres Leben, ist zum Glück im Schwinden“, meint Elisabeth von Samsonow, Professorin an der Wiener Kunstakademie. Die Erziehungsprinzipien hätten sich radikal gewandelt, aus der neuen Freiheit für die Kinder würden neue Themen für Bücher wachsen: „Was bin ich? Ich bin dies oder jenes. Ein Tier oder ganz jemand anderer oder ganz verkehrt? Man befasst sich auf andere Weise als früher mit dem Unangepassten, dem Fremden.“ Auch das Bild der Frau im Kinder- und Jugendbuch habe sich radikal geändert. Ihrer eigenen, mittlerweile 13-jährigen Tochter hat Samsonow gern Geschichten von „wilden Mädchen“ vorgelesen, „die alle in die Tasche gesteckt haben“.
Auch formal sieht Samsonow das Konventionelle auf dem Rückzug. Wobei durchaus mehr möglich wäre, als gewagt wird: Die Kinder hätten „vielleicht einen ganz anderen, originelleren, extremeren Geschmack“ als die Erwachsenen, die Kinderbücher machen, vermarkten und kaufen.
Schräge Illustrationen, gibt dagegen Franz Lettner vom Institut für Jugendliteratur zu bedenken, waren immer nur ein kleines Segment im Bilderbuchbereich: „In hoher Stückzahl verkauft wird eher Konventionelles wie ,Der kleine Eisbär‘, vor allem, wenn er, wie jetzt, wieder im Fernsehen läuft.“ Trotzdem gebe es einige höchst originelle Illustratoren: Den Österreicher Michael Roher mit seinen fliegenden Menschen zum Beispiel oder den Australier Shaun Tan, der für seine surrealen, fantastischen Bilder viele Preise bekommen hat und 2010 auch den Oscar in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“ für „The Lost Thing“, eine Geschichte über geheimnisvoll belebte Dinge.
Surrealismus und Dadaismus für Kinder
Welche Rolle spielt die Kunstgeschichte für die Illustratoren? „Eine große! Ihre Ausdrucksformen spielen in meine Arbeit ein“, sagt Helga Bansch, eine der erfolgreichen österreichischen Autorinnen und Zeichnerinnen. Sie war 25Jahre lang Volksschullehrerin, bevor sie sich 2003 als freischaffende Künstlerin selbstständig gemacht hat. In ihrem Buch „Das Geheimnis ist blau“ hat sie etwa bewusst die Technik der Collage und Monotypie gewählt.
Nicht jeder Zeichner gibt es so offen zu, sich der Kunstgeschichte zu bedienen, wie Bansch. Dabei sind Parallelen unübersehbar: Elisabeth von Samsonow sieht vor allem Dada und Surrealismus in den Kinderbuchillustrationen auf dem Vormarsch. Wobei nicht alle Ismen bei den Kindern gleich gut aufgenommen werden. Der Primitivismus eines Paul Klee mit seinen Strichmännchen etwa stößt bei Kindern auf wenig Gegenliebe. Wie sich die „kunstgeschichtlichen Echo-Effekte“ entwickeln, könne man oft nicht vorhersehen, sagt die Professorin: „Die zeitgenössische Künstlerin Zenita Komad etwa greift auf historische Bilderbögen des 19.Jahrhunderts zurück.“
„Wahrscheinlich hat der postmoderne Ansatz, alles zu Material und zur Baustelle zu erklären, sich auch in der Kinder- und Jugendbuchillustration durchgesetzt“, meint der Künstler und Akademie-Professor Gunter Damisch: „Mir gefällt die große Bandbreite, und auch die oft experimentellen und verspielten Formen finde ich schön. In der Kinder- und Jugendbuchillustration haben Menschen mit untypischen Begabungen und merkwürdigen Kombinationen von Techniken und Zugängen Chancen auf Veröffentlichung und ein Publikum.“
Auf einen Blick
Klassiker. Einen wichtigen Bereich des Marktes der Kinderliteratur bilden „Erbstücke“: Erwachsene schenken Kindern, was sie selbst einst gelesen haben, wie „Das kleine Ich bin Ich“ von Mira Lobe und Susi Weigel (Jungbrunnen). Innovativ bebilderte Poesie und Lautmalerei: „Rabauken-Reime“ von Gerald Jatzek und Andrea Steffen (Nilpferd/Residenz).
Pfiffige Pädagogik. „Die Muddeldings, Chaos im Kinderzimmer“ von Katja Kiefer (Lappan). Philosophie für die Kleinsten: „Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“ von Oscar Brenifier, Jaques Després, Norbert Bolz (Gabriel). Gruselige Märchenillustrationen: „Hänsel und Gretel“ von Lorenzo Mattotti (Carlsen). Klassiker der Illustration: „Die Raupe Nimmersatt“ von Eric Carle, Marcus Pfisters „Regenbogenfisch“ oder die Bücher der Wienerin Lisbeth Zwerger, die den Hans-Christian-Andersen-Preis gewonnen hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)