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Es beginnt mit Tiere-quälen – es endet mit Menschen-töten

Die Polizeibehörden vernachlässigen bisher die Aufklärung von Gewaltverbrechen gegen Tiere: ein fatales Versäumnis!

Die Aufklärungsrate bei Gewaltverbrechen liege bei 90 Prozent, verkündete Innenministerin Mikl-Leitner unlängst. Zumindest bei jenen, die polizeibekannt werden, muss man dazu sagen, die Dunkelziffer wollen wir erst gar nicht wissen. Dagegen liegt die Aufklärungsrate bei Gewaltverbrechen gegen Tiere bei nahezu null. So wird in Österreich munter drauflos gequält, regelmäßig werden Pferde auf Weiden mit Eisenstangen oder Lanzen schwer verletzt, Katzen die Pfoten abgeschnitten, sie werden verbrannt und ertränkt, mit Drillingshaken versehene Hundeköder werden ausgelegt etc. Die Liste der nahezu täglichen, unsäglichen Grausamkeiten gegen Tiere ließe sich endlos fortsetzen. Und fast keiner dieser Täter wird dingfest gemacht. Schlimm genug, dass man sich damit abzufinden scheint, dass der Aufklärungswille der Kripo bei Verbrechen gegen Tiere enden wollend ist.

Wer Morde an Menschen aufklärt, sollte eigentlich prinzipiell auch fähig sein, Tiermörder zu ermitteln. Bloß, es scheint niemanden zu scheren, es sind ja nur Tiere. Aber ganz so „harmlos“ ist die Sache nicht. Denn viele Untersuchungen zeigen, dass ein hoher Prozentsatz vor allem jugendlicher Tierquäler diese Karriere später an Menschen fortsetzt. Fast immer geht Gewalt gegen Tiere Gewalt gegen Menschen voraus oder läuft parallel dazu, wie etwa im Falle der häuslichen Gewalt. Bekannt auch, dass eine Mehrheit der einsitzenden notorischen Gewalttäter mit dem Quälen und Töten von Tieren begann.

Prototypisch geradezu der römische Kaiser Nero, der als Kind Freude daran fand, Hunde bei lebendigem Leibe zu zerschneiden und sich als Erwachsener am Abfackeln von Menschen belustigte. Der enge Zusammenhang zwischen Tierquälerei und (sadistischer) Gewalt gegen Menschen ist bestens belegt. Fast alle Serienfrauenmörder etwa quälten vorher auch Tiere, „übten“ ihre grausigen Rituale an ihnen.

Wenn also Kinder oder Erwachsene sadistische Gewalt gegen Tiere ausüben, dann ist dies ein untrügliches Zeichen für ein Nicht-Funktionieren der Gehirnzentren, die für Empathie zuständig sind. Soziopathie ist die Folge, etwa ein bis zwei Prozent vor allem der männlichen Bevölkerung leiden darunter. Es scheint aber möglich, gerade intelligenten Kindern die Folgen von Quälerei klarzumachen und sie davon abzubringen, nur muss dazu ihre Täterschaft rechtzeitig bekannt werden.

Wenn allerdings Quälen und Töten mit sadistischer Lust verbunden sind, dann ist dies kaum therapierbar. Dann ist Feuer am Dach. In Deutschland gibt es bereits Sicherheitsverwahrung für sadistische Tierquäler, weil man weiß, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die nächsten Opfer Menschen wären; Österreich ist da noch eine Insel der Seligen, zumindest für sadistische Tiermörder.

In meiner letzten Kolumne thematisierte ich die Gewaltbereitschaft gegen Gebärende und Neugeborene. Gerade wurde von Professor Taschner wieder die „g'sunde Watschn“ propagiert. Gewalt gegen Tiere wird beklagt, aber kaum verfolgt. Beunruhigende Symptome für die latente Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft, die sich meistens gegen die Schwachen richtet, Kinder und Tiere. Was uns alle aber wieder recht direkt treffen kann, wie der Fall der von der Kripo vernachlässigten Gewalttaten gegen Tiere zeigt.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)