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„Zettl“ im Kino: Der Film aus der Mitte der Macht

(c) Warner
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Ein Hype, den keine Leinwand fassen kann: Helmut Dietls bitterböse Politik- und Mediensatire „Zettl“ wird als ultimative Abrechnung mit Berlin-Mitte verkauft. Mit dabei die erste Riege der deutschen Komödianten.

Die Mitte, das ist zuweilen nur ein blinder Fleck, das Auge des Taifuns, ein schwarzes Loch. So wie Berlin-Mitte, das politische Zentrum Deutschlands. Wo in den 1980er-Jahren noch ein Niemandsland zwischen Ost und West auf seine Zukunft wartete, ballt sich heute die Macht der Macher und ihrer Herolde: Kanzleramt, Bundestag, Ministerien, die Studios der Sender und Zeitungen. Da darf auch das große Geld nicht fehlen, die Lobbyisten und Einflüsterer aus der Wirtschaft. Ihr Tagwerk zieht die Sternchen der Nacht an, die Musen und den Müßiggang. Das stinkt und duftet, rein logisch, nach Sündenpfuhl, Sex und Intrigen.

Und ein solch wichtiges Viertel schreit, so möchte man meinen, nach seinem großen Film. Aber ach, alles ist so neu, so ohne Tradition und verfestigte Klischees. Das Lied von Berlin wird in Kreuzberger Kneipen gesungen. Aber Mitte? Das wäre ja gleich ein Opus zur moralisch verrotteten Lage der Nation. Ein Denkmal, für das man Sockel und Fundament noch mitliefern muss. Und da traut sich niemand drüber. Außer ein ganz Großer, so einer wie Helmut Dietl. Der Übervater des deutschen Films mit Charme und Humor hat lange geschwiegen. Immer verklärter wurde die Erinnerung an „Schtonk!“, an den „Monaco Franze“, an die hinreißend komische Münchner Gesellschaftssatire „Kir Royal“. Als dann das Gerücht die Runde machte, das Genie aus Bayern plane den ultimativen Berlin-Film, war der Hype vorauszusehen. Und er wurde gekonnt geschürt, schon durch die lange Vorlaufzeit.

Die Realität lässt nicht grüßen

Bereits im Sommer 2006 saß Dietl mit Benjamin von Stuckrad-Barre in einem Münchner Biergarten zusammen, der Filmemacher mit der Nachwuchshoffnung der Popliteratur. Dietl erzählte von seinem Berlin-Projekt, den Kopf schon voll kauziger Figuren und absurder Szenen. Man konnte miteinander. Stuckrad-Barre ließ sich auf das Abenteuer ein, mit dem als misanthropisch verschrienen Regisseur ein Drehbuch auszutüfteln. Beide zogen nach Berlin. Sie gingen auf die Partys der Promis und wurden von den Wichtigen und Wichtigtuern zur Seite genommen: Ich komme doch hoffentlich nicht vor? Das hieß übersetzt: Ihr habt doch hoffentlich nicht auf mich vergessen?

Sie alle wurden enttäuscht. Denn was die beiden in unzähligen Plauderstunden und verworfenen Entwürfen schließlich ausbrüteten, scheut bewusst jede Parallele zur Berliner Empirie. Eine Bürgermeisterin, die insgeheim ein Mann ist, ein Kanzler als Wrack, der seinen Süchten erliegt – das ist so überdreht, dass sich niemand auf den Schlips getreten fühlt. Und wenn doch, er müsste daran ersticken.

So hat Dietls Imaginationskraft ein surreal-lustiges Über-drüber-Berlin erschaffen, das freilich von der ersten Riege deutscher Komödianten bevölkert wird: von Götz George bis Harald Schmidt, von Ulrich Tukur bis Gert Voss – bei diesem Ereignis wollten alle dabei sein. Auch zwei „Kir Royal“-Veteranen: Senta Berger und Dieter Hildebrandt sind vom großstädtischen Treiben so überfordert, dass sie schon zur Halbzeit des Films die Flucht nach München ergreifen.

Die Kritiker sind enttäuscht. Es hagelt Verrisse (siehe rechts). Immerhin: Ein paar Rezensenten glauben hinter der brachialen, weltfremden Komik Dietls eine Sehnsucht herauszulesen, die sie gerne teilen. Die Sehnsucht nach einem Berlin-Mitte mit echten Gaunern und Skandalen, mit Lebemännern und Femmes fatales, mit Charakteren, groß wie Leinwandstars. Denn was sie sehen, ist meist nur blutleer und bieder. Selbst der Präsident im goldenen Käfig Bellevue hat das bisschen sündigen Glamour, für das ihn die Medien prügeln, zu Hause in Hannover gelassen. Berlin-Mitte bleibt vorerst ein blinder Fleck. Die wahren Abenteuer sind im Kopf – und immer noch in der Provinz.