Direktor Herbert Föttinger versuchte, das viel geliebte Volksstück neu zu zeigen, was mit gemischtem Erfolg gelang. Wunderbar ist Erwin Steinhauer als Zauberkönig. Zu sehen im Theater in der Josefstadt.
Das Theater in der Josefstadt geht mit der Zeit und stellt Trailer seiner Aufführungen auf die Internetplattform YouTube. Mit diesen Vorschauen verhält es sich wie mit den Appetizern von Filmen: Sie versprechen mehr als sie halten. Der Trailer zu Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ lässt eine wilde, knallharte Aufführung erwarten. Davon kann in der Realität keine Rede sein. Zum Glück.
Horváth lässt sich wie Nestroy nur bedingt verfremden. Das Volksstück, das 1931 in Berlin uraufgeführt wurde und bei der Österreichischen Erstaufführung am Volkstheater einen Skandal auslöste – „was haben diese faulen Lemuren und Großstadt-Sumpfblüten mit dem Volk von Wien zu tun?“, fragte ein Kritiker –, ist seit Jahrzehnten ein Liebling der Theaterbesucher. Auch dank blendender Besetzungen: Helmut Qualtinger als Oskar, Hans Moser als Zauberkönig, Birgit Doll als Marianne, Inge Konradi als Valerie, Adrienne Gessner als Großmutter, um nur einige Unvergessliche zu nennen. Trotzdem sollte man sich vor Nostalgie hüten. Modernisierung ist durchaus angesagt, aber sie ist noch nicht recht gelungen, weder bei der Version von Stefan Bachmann im Akademietheater – mit Starbesetzung, Birgit Minichmayr als Marianne und Nicholas Ofczarek als Alfred –, noch jetzt im Theater in der Josefstadt.
Regisseur Herbert Föttinger hält sich streng an Horváths Spielanweisungen für seine Stücke: Kein Dialekt, keine Parodien oder Karikaturen, keine Ironie, keine Satire. Aber Autoren haben eben auch nicht immer recht. Der Aufführung fehlt Kraft und Spannung, vielleicht auch dank des reduzierten Lokalkolorits, verstärkt durch das abstrakte Einheitsbühnenbild mit Sesseln und kahlen Stämmen: keine Wachau, kein Maxim, kein Heuriger. Das wirkt schon seltsam.
Schrille Trafikantin Valerie
Auch die bei Horváth so wichtigen Musikstücke wurden reduziert, ein Männerchor singt. Schwerer wiegen freilich nicht nachvollziehbare Besetzungen und Rolleninterpretationen: Von altösterreichischer Grandezza ist dem Rittmeister (Toni Slama) nichts geblieben. Schlimmer hat es Sandra Cervik getroffen, ihre Valerie ist eine schrille Tante, eingezwängt in ein zu enges Kostüm, das Gesicht teilweise von Haaren verdeckt. Cerviks Temperament triumphiert phasenweise. Aber über die Bloßstellung einer über fünfzigjährigen Frau, die sich junge Herren angelt – warum eigentlich nicht, würde man heute sagen – kommt sie nicht hinweg.
Erni Mangold deklamiert Burgtheater-würdig die Großmutter. Der Gegensatz zu ihrer mit wenigen Sätzen authentischen und berührenden Tochter (Gabriele Schuchter) ist groß. Andere Regieeinfälle sind interessant: Florian Teichtmeister stattet den bösen Strizzi Alfred mit ungewohnter Jugendfrische und einem Hauch von echtem Sentiment aus. Alma Hasun ist keine arme Haut, sondern eine ziemlich emanzipierte Marianne, die sich fast bis zum Schluss nicht unterkriegen lässt. Alexander Strobele macht aus dem schmierigen Gauner Hierlinger beinahe einen Mann von Welt. Als Zauberkönig entzückt Erwin Steinhauer. Er wirkt zwar eher wie der Besitzer eines noblen Innenstadt-Cafés als wie ein armer, kleiner Spielzeughändler, dafür zeigt er faszinierenden Facettenreichtum: einen durchtriebenen Macho, nicht ohne Lust und Humor, wenn er sich ganz spontan auf die kokettierende Trafikantin stürzt, und einen Vater, der besser weiß, was für seine Marianne gut ist und auf seine Weise völlig recht hat. Die Liaison mit Alfred wird eine Katastrophe.
Spannend ist auch der stille Oskar (Thomas Mraz): Der Metzger erscheint meist erdig, brutal, ein Rohling, der die zerstörte Marianne am Ende über seine Schulter wirft und in eine voraussichtlich trübe Zukunft abschleppt. Dieser Oskar ist ein wahrhaft Liebender, seelenvoll, fanatisch, so schrecklich wie er sein soll, aber Kopfschütteln, Abwehr wie sonst weckt er nicht. Man kann diesem Kerl nachfühlen, was er durchmacht. Die Aufführung hat, trotz Kürzungen, immer wieder Längen und sie wirkt anders als der Text, von dem es unterschiedlich radikale Fassungen gibt, leicht museal.
Ungewohnter Humor im ersten Teil
Möglich, dass die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ einmal einen echten Befreiungsschlag vertragen könnten, aber wer wird den wagen wollen? Dies ist eine ansehnliche, mittlere Produktion – mit listigem Witz im ersten Teil und einer genialen Idee: Die lebenden Bilder im Maxim, die meistens peinlich wirken, sind hier gestrichen. Die Schauspieler blicken ins Publikum. Dieses applaudierte nach der Premiere am Donnerstag mit einiger Begeisterung – wohl vor allem Horváths perfide-tragischem Drama, das auch nach Jahrzehnten der „Österreich-Beschimpfung“ von Bernhard, Jelinek & Co. immer noch pointiert treffend wirkt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)