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Stadt, Land, Kind: Wo wachsen Kinder besser heran?

Symbolbild
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Zwischen Bäumen oder zwischen Häusern? Für viele Familien ist der Wohnort nicht nur eine Adresse, sondern Glaubensfrage – eine, in der es viele Behauptungen und wenige Belege gibt.

Wo man lebt, ist Privatsache. Bis man Kinder hat. Dann wird daraus ein Glaubenskrieg. „Stadt – Land – Kind“ ist kein Spiel, sondern sehr oft bitterer Ernst, ein verbales Gemetzel rund um die Frage, wo die glücklicheren Mädchen und Buben heranwachsen. Dass diese Debatte so vehement geführt wird, hat – wie alle Erziehungsschlachten – viel mit den Eltern zu tun und weniger mit den Kindern. In einer Gesellschaft, die von sich verlangt, bei der Erziehung ihrer Kinder nichts falsch zu machen, spüren Eltern den Druck, sich für alle ihre Entscheidungen rechtfertigen zu müssen – auch für den Wohnort.

So reicht es ganz bestimmt nicht zu sagen: „Ich lebe mit meinen Kindern in der Stadt, weil mir das Landleben auf Dauer zu fad ist.“ „Ich-Entscheidungen“ sind in der kinderliebenden und kinderdienenden Mittelklasse nicht sonderlich angesagt. Will man daher nicht als gnadenloser Egoist betuschelt werden, sollte man sich tunlichst Vorteile zurechtlegen, die die Kinder daraus ziehen, wie zum Beispiel das große Beschäftigungsangebot, Weltoffenheit, und dass man sich später, wenn sie 15 oder 16 und halb flügge sind, die Übersiedlung in die Stadt spart.

Ähnliches gilt fürs Landleben. „Ich lebe auf dem Land, weil ich dann nicht jeden Tag einen Park suchen oder am Wochenende ins Grüne fahren muss, weil mich der Lärm stört und mir die Hektik und die vielen Menschen auf die Nerven gehen“, reicht irgendwie nicht. Da muss man schon auch darauf verweisen können, wie gut das Landleben den Kindern tut, wie prächtig sie sich entwickeln, wie gesund, wie naturverbunden, wie ausgeglichen.

Nebenbei sei angemerkt, dass viele Familien gar nicht wählen können, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben wollen. Den Ausschlag gibt, wer wo welche Arbeit findet. Solche pragmatischen „Nebenbeis“ gehen in Grundsatzkontroversen aber immer unter. Die Stadt-Land-Debatte wird daher unbelastet von solchen Details in Büchern, Foren und im persönlichen Nahkampf geführt.

Mit vielen, vielen Behauptungen und erstaunlich wenig Belegen. Das ist nicht verwunderlich, denn „Stadtkinder“ und „Landkinder“ gibt es in allen Variationen. Den reinen Typus findet man kaum. Es gibt das „Bauernkind“, das tatsächlich sehr naturverbunden aufwächst; es gibt das „Landkind“, dessen Lebensraum sehr eng ist, weil die Eltern wenig Zeit haben, es im Wohnort nicht sehr viele Ablenkungen gibt, vor der Tür die Bundesstraße vorbeiführt und ewig der Computer lockt; es gibt das Stadtkind, dessen Eltern jedes Wochenende mit ihm ins Grüne fahren; und es gibt die große Gruppe der Vorstadt- und Kleinstadtkinder, die mit dem Besten oder Schlechtesten (je nach Blickwinkel) beider Welten aufwachsen.

Dieser Mangel an klaren Unterscheidungen und eindeutigen Befunden wird gern mit Vorurteilen wettgemacht. Der Mär von der idyllischen ruralen Kindheit steht der Mythos vom neurotischen Stadtkind gegenüber. Diese Verkürzung tut allen unrecht: den Kindern in der Stadt und auf dem Land. Und ihren Eltern. „Es kommt letzten Endes nicht darauf an, wo erzogen wird, sondern wie“, sagt die Psychologin Sabine Völkl-Kernstock.


1 Landkinder sind gesünder als Stadtkinder. Die Gesundheit ist einer der wenigen Bereiche in dieser Diskussion, der mit Fakten aufwarten kann. So leben zum Beispiel wesentlich mehr Kinder von Sozialhilfeempfängern in der Stadt als auf dem Land. Das bedeutet eine höhere Armutsrate und damit auch eine geringere Chance, eine vernünftige Mahlzeit zu bekommen.

Gleichzeitig belegen Untersuchungen, dass Landkinder im Großen und Ganzen gesünder sind als Stadtkinder. Eine Studie des Berliner Forsa-Instituts ergab 2009, dass Stadtkinder häufiger unter chronischen Krankheiten wie Asthma oder Neurodermitis leiden als Landkinder. In Orten mit weniger als 5000 Einwohnern waren 83 Prozent der Kinder beschwerdefrei, in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern hingegen nur 65 Prozent.

Einen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Allergien und dem Landleben lieferten 2010 Forscher aus Bochum, München und Borstel. Sie wiesen Arabinogalaktan im Stallstaub nach. Dieses Zuckermolekül produziert einen Botenstoff, der dämpfend auf das Immunsystem wirkt und übertriebene Abwehrreaktionen verhindert, die allergische Reaktionen auslösen. Dieser Punkt ist jedoch nicht ganz unumstritten: Andere Ärzte meinen wiederum, Stallstaub sei schädlich für die Lungen.

2 Stadtkinder sind unausgeglichener als Landkinder. Ab hier begibt man sich bereits in den Dunstkreis von Spekulationen und Mutmaßungen. Tatsache ist, dass der Wettbewerbsgedanke unter Stadtkindern oft wesentlich deutlicher ausgeprägt ist als unter Landkindern. Dazu tragen auch die Eltern viel bei, wenn auch mit den besten Absichten. „Kinder im städtischen Bereich haben oft einen Terminkalender wie Erwachsene“, sagt Völkl-Kernstock. „Da heißt es sehr oft: Wir müssen dorthin, zum Ballett oder zum Judo.“ Auf dem Land sei das einfacher, da gebe es nicht so viele Möglichkeiten, die Kinder treffen sich einfach am Nachmittag.

Eltern, die Zeit und Geld in die strukturierte Freizeit ihrer Kinder investieren, tendieren außerdem dazu, Ergebnisse zu erwarten. Zwar haben Stadtkinder oft gar nicht viel weniger Möglichkeiten als Landkinder, ihren Bewegungsdrang auszuleben, doch ist das Umfeld, in dem das passiert, sehr oft ein ganz anderes. „Mit der Organisation in Vereinen oder Gruppen verinnerlichen moderne Kinder den Leistungsgedanken viel zu früh“, meinte auch der im vergangenen Jahr verstorbene Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk. Das setze die Kinder von klein auf unter Druck. Keine Kindergeneration, meinte Bergmann in dem Interview, habe jemals stärkere Eltern benötigt als die heutige. Denn nur starke Eltern bräuchten keine perfekten Kinder.

3 Landkinder sind naturverbundener als Stadtkinder. „Natürlich, was denn sonst“, müsste die Antwort hier eigentlich lauten. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn obwohl Kinder, die Wald und Wiese vor der Haustür haben, einen Startvorteil genießen, verändern sich auch die gesellschaftlichen Strukturen auf dem Land. Und mit ihnen die Zeit und Möglichkeit, die Kinder berufstätiger Eltern im freien Spiel in der Natur verbringen können.
Stadtkinder haben oft den Vorteil, dass ihre Eltern bei jeder Gelegenheit in die Natur streben, um ihren Kindern ein grünes Gegengift gegen zu viel Grau einzuimpfen.

Kaum eine Städterfamilie mit Kindern, die es schafft, Ferien ohne Urlaub auf dem Bauernhof zu verbringen.
Auch die Stadtplanung ist mittlerweile äußerst sensibel dafür geworden, dass Städte ohne Räume für Kinder keine Zukunft haben können. Seither bemüht man sich, die Natur wieder in die Stadt zurückzuholen, sei es in Form von Parks, Wasserspielplätzen oder möglichst ursprünglichen Naturoasen. Die Tatsache, dass immer mehr Wildtiere von den Rändern her in die Großstadt eindringen, bestätigt diese Bemühungen.

Außerdem sollte man die Kinder selbst nicht unterschätzen, meinen Psychologen. Sie sind Improvisationskünstler. „Kinder haben bemerkenswerte Fähigkeiten, sich Spiel- und Bewegungsräume zu erschließen“, sagte Jan Erhorn vom Pädagogischen Institut der Universität Hamburg der Badischen Zeitung. Auch wenn man den Begriff „Natur“ dann vielleicht nicht gar zu eng sehen darf.

4 Stadtkinder sind kognitiv weiter als Landkinder. Ein besonders heikler Punkt – und einer, der sich weder in die eine noch in die andere Richtung belegen lässt. Stadtkinder, die von ihrer Umgebung in vielerlei Hinsicht gefördert und gefordert werden, sind im Sprachausdruck oft weiter entwickelt als „traditionelle“ Landkinder. Auf der anderen Seite sprechen Erkenntnisse der Hirnforschung eine ganz andere Sprache.
„Untersuchungen aus der Lernpsychologie und der Gehirnforschung besagen: Je freier das Kind aufwächst, je weniger es trainiert und methodisch gefördert wird, desto intelligenter wird es“, erklärte Kinderpsychologe Bergmann (in dem bereits zitierten Interview mit dem NDR). Eltern sollten daher schauen, ihren Kindern so viel freie und unkontrollierte Handlungsräume wie möglich zu schaffen.
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Sabine Völkl-Kernstock glaubt, dass dieser Eindruck der viferen Stadtkinder auch durch die Bildungslandschaft geformt wird. „In der Stadt geht unter einer Matura gar nichts“, meint sie. „Auf dem Land tut es durchaus auch eine Hauptschule, weil die sehr oft ohnedies das Niveau einer AHS-Unterstufe in der Großstadt hat.“ Da schlage wiederum der Leistungsgedanke zu, die Erwartungshaltung der Eltern in der Stadt sei eine andere.