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Universalreligionen: Die Quellen der Identität

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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In einem neuen Großforschungsprojekt wird untersucht, wie sich Identitäten und Gemeinschaften entwickeln und welche Rolle dabei die Universalreligionen – das Christentum, der Islam und der Buddhismus – spielen.

Fast täglich sehen wir Fernsehberichte von Selbstmordattentätern im arabischen Raum, lesen Zeitungsmeldungen über Selbstverbrennungen von Buddhisten in Tibet und über verfolgte christliche Minderheiten im Nahen Osten. Man erinnere sich an den Balkankonflikt in den 1990er-Jahren direkt vor unserer „Haustür“: Immer wieder sorgen religiöse und ethnische Auseinandersetzungen für Schlagzeilen, oftmals lässt sich nicht eindeutig entscheiden, ob die Konflikte religiös oder ethnisch geprägt sind. Zentral ist in jedem Fall eine gemeinsame Identität der jeweiligen Kontrahenten. Doch wie entstehen Gemeinschaften und Identitäten? Welche Rolle spielen dabei die drei großen Weltreligionen – das Christentum, der Islam und der Buddhismus?

Diesen Fragen hat sich letzte Woche eine dreitägige Konferenz unter der Ägide des Wiener Historikers Walter Pohl und des Sozialanthropologen Andre Gingrich gewidmet. 20 Experten aus den Bereichen Geschichte, Sozialanthropologie und Kulturwissenschaften aus Europa und den USA setzten sich erstmals interdisziplinär mit den Auswirkungen christlicher, islamischer und buddhistischer Gemeinschaftsvisionen zwischen 400 und 1600 n. Chr. auseinander und nahmen sie vergleichend ins Visier. Der Kongress bildete den Auftakt für einen vom Wissenschaftsfonds FWF bis 2015 finanzierten Spezialforschungsbereich namens Viscom („Visions of Community“).

„Religiöse und ethnische Konflikte gehören zu den schärfsten der Gegenwart. Wie die Geschichte lehrt, können ethnische und religiöse Identitäten Menschen offenbar besonders zum Kampf und zur Fremdenfeindlichkeit motivieren“, erklärt Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Und das, obwohl die Botschaften der Universalreligionen Friede, Einkehr und ein gottgefälliges Leben lauten. „Genau aus diesem Grund wollen wir untersuchen, wie es dazu kam, dass die großen Religionen auch viele kleine Gemeinschaften in ihrem Eigensinn bestärkten.“ Wie haben die drei Großreligionen, die ja auf einer überregionalen Verbreitung und auf einem universellen Anspruch basieren, die Bildung von Gemeinschaften und Identitäten beeinflusst?

Im frühen Mittelalter (400 bis 1000 n. Chr.) entwickelte sich die ethnische und politische Landkarte Europas in etwa so, wie wir sie heute kennen. Das Römische Reich wich einer pluralistischen politischen Ordnung. Ethnien und Namen wie Ungarn, Franken, Angeln oder Dänen sind damals entstanden. Viele europäische Nationen sind noch heute nach diesen Völkern benannt, trotz vieler Veränderungen im Lauf der Geschichte. Es ist, wenn man die europäische Entwicklung mit dem arabischen Raum oder Amerika vergleicht, nicht vorgegeben, dass Völker automatisch Staaten bilden. In Europa entstanden die Staaten jedoch meist aufgrund von ethnischer Identität.

Bibel als Orientierung. Dazu hat, und das ist die neue These des Projekts, die Verbreitung des Christentums maßgeblich beigetragen. Unter Konstantin dem Großen wurde das Christentum zur wichtigsten Religion im Imperium Romanum. Die Bibel bot in der frühmittelalterlichen Aufbruchsstimmung, als das Weströmische Reich zerbrach, Ordnungs- und Orientierungsmuster. „Im Alten Testament wird zum Beispiel das Volk Israel besonders hervorgehoben“, so Pohl. Völker spielten also eine entscheidende Rolle in der christlichen Heilsgeschichte. „Denken sie nur an das Zitat aus dem Neuen Testament: ,Darum geht zu allen Völkern . . . und lehrt sie.‘ Man sah das damals als Legitimierung für die Gründung von Staaten auf Basis von Ethnien.“ In England gab es beispielsweise regionale Kleinkönigreiche. Erst nach der Christianisierung bildete sich schrittweise ein einheitliches Königreich heraus.

Im Frühmittelalter standen die europäischen Völker in Konkurrenz zueinander – und zwar um die Fürsorge und Gnade Gottes. Jedes Volk entwickelte sein spezielles Modell, um einen privilegierten Zugang zu Gott zu erlangen. „Daher die vielen Nationalheiligen“, so Pohl. Es existierten also die religiöse Identität und die von der Kirche legitimierte spezielle ethnische Identität nebeneinander.

In der islamischen Welt herrschte ein anderes Modell vor. Der Kalif war sowohl der geistliche als auch der politische Führer. Prinzipiell war der Islam toleranter gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften, die unter islamischer Führung lebten. Die islamischen Staaten leiten sich von Dynastien ab, die wiederum auf Kalifen und den Propheten zurückgehen, jedoch nicht von einer gemeinsamen ethnischen Herkunft. „Im Islam fühlen sich die Menschen Clans, Familien oder Stämmen zugehörig, aber nicht großen Völkern“, beschreibt Pohl die Hintergründe der Identitätsstiftung im islamischen Raum. So gab es z. B. kein Volk der Iraker oder Syrer, sehr wohl aber das Volk der Deutschen, der Franzosen oder der Engländer in Europa. Der islamische Charakter der Herrschaft war in der muslimischen Welt viel stärker als im christlich geprägten Kulturkreis. Es war daher nicht leicht, im 20. Jahrhundert einheitliche Nationen zu bilden.
„Im Buddhismus, der die Auslöschung des Diesseitigen im Nirvana zum Ziel hat, ist es viel schwieriger, Herrschaft zu legitimieren“, so Pohl. Dadurch entstanden nur wenige buddhistische Reiche. Tibet war eines davon.

Gemeinschaften grenzen aus.
„Mit diesen historischen Forschungen wollen wir die heutigen Konflikte besser verstehen lernen. Eine Gemeinschaft zu bilden, heißt auch immer, gleichzeitig andere Gemeinschaften auszugrenzen. Uns interessiert, welche Triebkräfte dabei wirksam sind. So wollen wir beispielsweise die innersten Beweggründe herausfinden, warum sich ein Palästinenser für sein Volk und den Islam in die Luft sprengt.“

Doch wann erinnert man sich eigentlich seiner ethnischen Herkunft? Laut Pohl passiert das zum Beispiel in Großstädten mit einer gemischten Bevölkerung oder in großen politischen Einheiten, die nur unzureichende Identitätsangebote bieten. Manchmal – wie es in den Balkan-Kriegen geschah – wird die ethnische Zuordnung auch politisch missbraucht. „Oftmals kursieren Vorstellungen von Völkern als biologische Einheiten“, erläutert Pohl. Nachsatz: Diese falschen Vorstellungen von Völkern hielten sich im öffentlichen Bewusstsein leider äußerst hartnäckig.

Um Populationen und Ethnien genetisch auf den Grund zu gehen, hat sich die „Archäogenetik“ als neue Forschungsdisziplin herausgebildet. Während sich die Instrumente der Genforschung rasant weiterentwickeln, wurden die Methoden zur historischen Interpretation bisher aber kaum überlegt. Die Mitarbeit von Historikern erschließt nun komplettes Neuland.

Pohl plant gemeinsam mit einer internationalen Forschergruppe eine archäogenetische Pilotstudie für das europäische Frühmittelalter – und zwar in dem Projekt „Social Cohesion, Identity and Religion in Europe (400–1200)“, für das er 2010 den wichtigsten europäischen Forschungspreis, einen „ERC Advanced Grant“, gewann. Dabei sollen 40 DNA-Proben aus vier Gräberfeldern in Italien und Ungarn aus dem sechsten Jahrhundert untersucht werden. Zugerechnet werden diese Grabstätten den Langobarden, die laut historischen Schriftquellen 568/569 n. Chr. von Pannonien nach Italien zogen. „Wir wollen vergleichen, ob DNA-Proben langobardischer Gräberfelder genetisch miteinander mehr verwandt sind als mit anderen“, so Pohl. »