Wiens urbanes Paradoxon: In der Kälte wird es netter

(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
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Kälte hat auch ihre guten Seiten. Wir sind freundlicher, respektvoller, besser gelaunt, und müssen öfter aufs Klo. Über den Einfluss der Kälte in der Stadt - von der Geburten- bis zur Einbruchsstatistik.

Ein bisschen erinnert es an den Frühling. Es liegt etwas in der Luft, das alle betrifft und das bei so gut wie jeder Begegnung als Gesprächsthema herhalten muss. Immerhin kommt es nicht allzu oft vor, dass in Wien die Temperaturen im zweistelligen Minusbereich liegen – und das mehr als ein paar Tage lang. Wobei, 2006 gab es eine ähnlich lange Periode von Eistagen – das sind jene Tage, an denen die Temperatur stets unter null Grad liegt. 21 Tage lang dauerte damals die Kältewelle an. Derzeit liegen wir bei eineinhalb Wochen „Eiszeit“. Aber selbst wenn es jeden Winter so kalt wäre, derzeit reichen ein paar Schritte im Freien, um das Gefühl zu haben: „So kalt war es noch nie.“

Das muss nicht unbedingt schlecht sein, denn die Kälte hat auch ihre guten Seiten – etwa im zwischenmenschlichen Bereich. Sie schweißt zusammen und macht die Menschen höflicher, respektvoller. Es werden Türen aufgehalten, Frierenden wird eine Tasse Tee angeboten. Und obwohl bei dieser Kälte die meisten das Fahrrad oder Auto stehen lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen – von der grantelnden Stimmung, die an heißen Sommertagen in der überfüllten U-Bahn üblich ist, ist derzeit nichts zu spüren. Die Wiener sind froh, dass es in der Straßenbahn ein bisschen wärmer ist.


Kälte hebt die Stimmung.
Für Siegfried Kasper ist das wenig erstaunlich. Der Psychiater von der Med-Uni Wien, mit Spezialgebiet Depression und Lichttherapie, meint dazu: „Die Kälte wirkt sich positiv auf unsere Stimmung aus.“ Vorausgesetzt man ist ausreichend dagegen gewappnet, trägt also Kleidung die vor Erfrierungen schützt. „Schuld“ an diesem positiven Effekt ist die Schilddrüse, die auf kalte Temperaturen mit einer Umstellung des Stoffwechsels reagiert. „Man hat dadurch mehr Energie und ist positiv gestimmt.“ Hinzu kommt die positive Wirkung der Sonne, die bei extremer Kälte eher scheint – im Gegensatz zur Nebelsuppe bei wärmeren Temperaturen. Kasper rät vom „Einbunkern“ ab. „Gerade im Winter leiden wir oft unter Lichtentzug. Eine Stunde spazieren gehen ist ideal.“

Lichtentzug und Wärme seien hingegen eine schlechte Kombination. Kasper berichtet von Untersuchungen, bei denen Menschen bei heller und kälterer Umgebung (19 Grad) positiver gestimmt waren als bei warmer (30Grad) und dunkler Atmosphäre.

Ganz dürfte Kaspers Botschaft aber bei den Wienern noch nicht angekommen sein – davon abgesehen, dass auch Städter diese Zeit gerne nutzen, um im Westen des Landes Wintersportarten auszuüben. Denn die Mobilität sinkt in der kalten Jahreszeit ebenso wie die Anzahl gastronomischer Besuche. „Natürlich beeinträchtigt die Kälte das Geschäft. Die Gastronomen spüren das deutlich“, sagt Josef Bitzinger, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft der Wirtschaftskammer Wien. Besonders schlimm trifft es die Betreiber von Würstelständen und Kebab-Buden. Touristen marschieren beim sonst so beliebten „kleinen Sacher“, dem Würstelstand hinter der Oper, vorbei – die Haube tief ins Gesicht gezogen. Von den Wienern ganz zu schweigen.

Das ist auch dem Verkehrsclub VCÖ aufgefallen. „Bei großer Kälte ändert sich die Mobilität der Menschen: Es werden generell weniger Wege bei Temperaturen unter zehn Grad minus zurückgelegt“, sagt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. Wege, die nicht unbedingt notwendig sind, etwa jene zu Freizeitaktivitäten, werden ausgelassen.
Weniger Einbrüche. Manche Menschen haben bei der Kälte nicht einmal Lust, zur Arbeit zu gehen – das wirkt sich sogar auf die Einbruchsstatistik aus. In Wien gibt es dazu zwar keine Untersuchungen, die Hamburger Kriminalpolizei hat im Vorjahr dazu aber eine Studie veröffentlicht. Mit knapp 1,8Millionen Einwohnern ist die deutsche Stadt mit Wien vergleichbar (1,7Millionen). Laut Kripo Hamburg gibt es zwischen Verbrechen mit starker emotionaler Komponente, wie Mord, keinen Zusammenhang mit dem Wetter. Anders ist das bei Delikten wie Einbruch oder Raub. „Zwischen 20 und 25Grad werden die meisten Handtaschen gestohlen“, sagt der Meteorologe Frank Böttcher. Bei dieser Temperatur ist am meisten los in der Stadt.

Wie beruhigend die Kälte wirkt, macht ebenfalls ein Beispiel aus Hamburg deutlich. „In einer Nacht wurden nur zwei Dinge zur Anzeige gebracht: ein kaputter Seitenspiegel und ein Einbruch in ein Gartenhäuschen. Da hatte es minus 15 Grad“, so Böttcher. Nur eine Sache schreckt Einbrecher noch mehr ab als Kälte: Schnee. Denn da kommen aufgrund der Spuren, die man dort hinterlässt, nur die wenigsten– um nicht zu sagen dümmsten – auf die Idee, irgendwo einzubrechen.

Dass bei extremer Kälte Prügeleien seltener werden, hat aber weniger damit zu tun, dass die Kälte uns friedvoll macht. Es halten sich einfach weniger Menschen draußen auf.

Beheizte Räume würde auch Kadir Sicimoglu derzeit lieber frequentieren. Sein Job erlaubt ihm das aber nur bedingt. Er ist als Wagenmeister– oder Doorman, wie die internationale Bezeichnung lautet – vor dem Grand Hotel am Kärntner Ring die erste Ansprechperson für die Gäste. Acht Stunden am Stück hält er das in seiner Uniform aber nicht aus. „Ich gehe immer wieder rein, um mich aufzuwärmen.“


Der Doorman friert. Die Winteruniform beinhaltet einen knielangen Mantel, ein Schal ist aber ebenso wenig erlaubt wie eine Haube. Immerhin sollen ja Krawatte und Namensschild sichtbar sein, und der Zylinder passt besser zum Image als eine Haube. Sicimoglu hat es mit seiner Uniform aber noch ganz gut erwischt. Seine Kollegen vom Radisson Blu Hotel am Parkring tragen hüftlange Jacken und keine Mützen.Der Grand-Hotel-Doorman schützt sich zusätzlich mit langen Unterhosen: „Wenn ich ehrlich bin, ist es im Sommer viel schlimmer. Da kann ich nämlich nicht reingehen, und die Sommeruniform kann ich nicht ausziehen.“ Seit zwölf Jahren empfängt Sicimoglu Gäste. Auch er ist sich sicher: „So kalt wie dieses Jahr war es noch nie.“

In seiner Freizeit zählt er aber auch dieser Tage zu der kleinen Gruppe der hartnäckigen Läufer. Viele gibt es etwa im Türkenschanzpark davon nicht. Der harte Kern, der stolz seine Runden dreht, ist mit Funktionswäsche, Windstopper-Jacke und Sturmhaube ausgerüstet. Empfehlen würde Cem Ekmekcioglu, Physiologe an der Med-Uni Wien, das nicht. Moderate Bewegung, also etwa der Gang zur nächsten Straßenbahnhaltestelle, ist durchaus in Ordnung. Von allzu großer Belastung rät er ab. Ebenso wie von Alkohol als Wärmespender. „Das stört die Abwehrmaßnahmen des Körpers.“

So reagiert der Körper auf Kälte mit Einengung der oberflächigen Gefäße, das Blut wird ins Innere umgeleitet. Durch Zittern wird zusätzlich die Wärmebildung angeregt. „Kälte steigert den Blutdruck und regt die Harnbildung an“, sagt Ekmekcioglu. Dass es durch die Kälte aber zu mehr Betrieb in den Krankenhausambulanzen kommt, kann er aber ebenso wenig bestätigen wie der Wiener Krankenanstaltenverbund.

Dann wäre da noch ein Missverständnis: dass bei extremer Kälte mehr Kinder gezeugt werden. Ein Vergleich der Geburtenstatistik mit den Daten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik entpuppt diese Annahme als Wintermärchen.

Rekorde

-29,1Grad Celsius
Laut Aufzeichnungen der ZAMG die kälteste je in Wien gemessene Temperatur (24.Jänner 1942).

-37,4Grad Celsius
Der österreichweite Kälterekord wurde am 2. Jänner 1905 in Salzburg am Sonnblick auf 3106 Meter Seehöhe gemessen.

-28,6Grad Celsius

Am kältesten war es in der Nacht auf Samstag mit minus 28,6 Grad am Sonnblick in 3100 Meter Seehöhe und mit minus 28,3 Grad in dem Tiroler Wintersportort Seefeld (1200 Meter Seehöhe).

-16,8Grad Celsius

Die kältesten Landeshauptstädte waren Innsbruck und Salzburg: Dort wurden in der Nacht auf Samstag jeweils 16,8Grad minus registriert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)

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