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Wiener Klinik soll Heimkinder mit Malaria infiziert haben

MalariaVersuche Wiener Klinik
(c) APA (Georg Hochmuth)
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Der heute 63-jährige Wilhelm J. berichtet über absichtliche Malaria-Infektionen in den 1960ern. Ein Experte hält das für möglich. Die Universitätsklinik für Psychiatrie am Wiener AKH prüft die Vorwürfe.

Wien. Schwere Anschuldigungen durch einen Patienten der 1960er-Jahre und eine Krankengeschichte, die längst nicht mehr existiert – die dünne Faktenlage im Fall „Wilhelm J.“ bedeutet für die Universitätsklinik für Psychiatrie am Wiener AKH vor allem eines: auf eigene Faust tief in der Vergangenheit der Klinik graben zu müssen – mit ungewissem Ausgang.

Der Hintergrund: Der heute 63-jährige Wilhelm J. gab gestern, Montag, im Ö1-„Morgenjournal“ an, im Jahr 1964 in der Klinik für Psychiatrie absichtlich mit Malaria infiziert worden zu sein. „Es wurde einem anderen Blut abgenommen und mir in den Muskel hineingespritzt“, so Wilhelm J. im Ö1-Interview, „die Ärztin hat gesagt, wir machen Versuche.“ Als Folge gibt der Mann wochenlanges Fieber von bis zu 42 Grad sowie jahrelang wiederkehrende Fieberschübe an. Glaubwürdigkeit erhält J. durch den ebenfalls im Hörfunkbeitrag zitierten Psychiater Bernd Küfferle – dieser war ab 1965 Arzt an der Klinik und bestätigt den Einsatz von „Fieberkuren“ gegen psychische Erkrankungen in den 1960ern – eine damals bereits veraltete Methode – sowie das Spritzen von Malaria-Erregern, um diese im Körper der Patienten lebendig zu halten.

Die Universitätsklinik für Psychiatrie schließt derzeit nichts aus: „Was wir wissen, wissen wir vom ORF und von den Aussagen des Kollegen, der seit zwölf Jahren in Pension ist“, sagt Johannes Wancata, Leiter der Abteilung für Sozialpsychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie, „aber ich halte ihn für einen seriösen Kollegen – wenn er das sagt, nehmen wir es ernst“. Derzeit versuche man, ehemalige Ärzte des Klinikums zu erreichen. Die Krankengeschichte von Wilhelm J. wurde laut Wancata bereits vernichtet, derartige Dokumente müssen „nur“ dreißig Jahre aufgehoben werden. Dass Malaria an der Klinik noch bis in die 1960er gezielt herbeigeführt wurde, kann Wancata nicht bestätigen: „Ich weiß auch nur aus Büchern, dass die Methode bis in die 1930er ausprobiert wurde, kann das aber nicht für uns sagen.“ Sollten Patienten tatsächlich mit Malaria infiziert worden sein, um Zugang zu lebendigen Erregern zu bekommen, sei dies jedoch „abzulehnen“.

 

Damals Nobelpreis, heute verpönt

Dabei brachte der therapeutische Einsatz von Malaria der Wiener Medizin einst sogar hohe Ehren: In den 1920ern entwickelte der Psychiater Julius Wagner-Jauregg in Wien eine Methode gegen Symptome der fortgeschrittenen Syphilis, die sich nicht nur physisch, sondern auch psychisch niederschlägt. Wagner-Jauregg erzielte durch die Injektion von Malaria-Erregern und dem so ausgelösten Fieber Behandlungserfolge – 1927 wurde ihm dafür der Nobelpreis für Medizin verliehen. Die Therapiemethode war jedoch von schweren Nebenwirkungen begleitet und verlor mit dem Aufkommen von Antibiotika und Psychopharmaka ihre Bedeutung.

WilhelmJ. berichtete gegenüber Ö1, sich nach der – aus heutiger Sicht zweifelhaften – Diagnose der „Psychopathie“, als 16-Jähriger nicht gegen die Malaria-Therapie gewehrt zu haben, weil ihm die Einweisung in eine geschlossene Anstalt angedroht worden war. Dass er überhaupt in die Klinik kam, interpretiert der Mann als Bestrafung, weil er aus dem Wiener Kinderheim „Im Werd“ ausgerissen war.

 

Antrag bei Kommission gestellt

Der 63-Jährige hat nun einen Antrag auf Entschädigung gestellt – bei jener Kommission, die die Stadt Wien nach den Misshandlungsvorwürfen gegen das Kinderheim am Wilhelminenberg einrichtete. Der Verein „Weißer Ring“, der die Hilfeleistungen für Opfer abwickelt, bestätigt die Bearbeitung des Antrags. Über Vorwürfe Wilhelm J.s gegen ein Heim will Geschäftsführerin Marianne Gammer nichts sagen – obwohl es wahrscheinlich ist, dass J. ein Heim belastet, da die Kommission Vergehen der Jugendwohlfahrt untersucht. Wilhelm J. habe „auch über Malaria gesprochen“, so Gammer. Bei der Kommission haben sich bisher mehr als 800 Personen gemeldet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)