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Mündiger Partner statt "Niere vom Zimmer elf"

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(c) ORF (Andi Leitner)
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Patienten, die Missstände aufzeigen und fragen, können die Zahl der Krankenhausfehler senken, werden vom Spitalspersonal jedoch oft als lästige Störfaktoren gesehen. Es bestehen Chancen auf Besserung.

Die Infusionsflasche war gestern mit Stanniolpapier umwickelt, heute nicht. Patientin Josefine R. macht die Krankenschwester darauf aufmerksam. „Vielen Dank“, sagt die Krankenschwester, wechselt die Flasche aus. Jetzt erhält Josefine R. gottlob die richtige Infusion.

Der Arzt kommt von einem hoch fiebernden Kind mit Lungenentzündung. Patient Alois R.: „Geht das eh in Ordnung mit dem Händewaschen?“ Der Arzt bedankt sich, dass ihn Alfons R. erinnert hat und wäscht sich die Hände – das wäre im Trubel des Spitalsalltags beinahe untergegangen.

 

„Entmündigte, hilflose Bettlieger“

Das Idealste: Es kommt gar nicht zu solchen Zwischenfällen. Aber Ärzte, Krankenschwestern und Pflegepersonal sind auch nur Menschen. In Europa gibt es laut OECD-Studie bei acht bis zwölf Prozent aller Krankenhausaufenthalte unerwünschte (gesundheitsschädigende) Zwischenfälle. Etwa die Hälfte der misslichen Vorfälle ist vermeidbar, vor allem durch bessere Kommunikation des Spitalspersonals untereinander und zwischen Personal und Patient.

Daher die zweitbeste Möglichkeit: Der Patient, der vieles sieht, was anderen entgeht, wird aktiv, macht auf Missstände aufmerksam, das Spitalspersonal reagiert nicht beleidigt oder angefressen, sondern nimmt derlei dankend an und agiert entsprechend.

Für den zweitbesten Zustand bedarf es allerdings gewaltigen Umdenkens: Ärzte und Krankenschwestern müssen Patienten als gleichberechtigte Partner akzeptieren; müssen davon abgehen, Patienten als entmündigte, hilflose Bettlieger, als „Niere vom Zimmer elf“, als folgsame Nummer zu sehen und zu behandeln. Und statt auf Patientenkritik mit Ärger, Beleidigtsein oder Missachtung zu reagieren, müsste das Spitalspersonal derlei Kritik als positiven Input im Sinne der Patientensicherheit ansehen. Und Patienten wiederum müssten sich mehr getrauen, ohne Angst haben zu müssen, deswegen links liegen gelassen oder schlechter behandelt zu werden.

 

Für sichereren Spitalsaufenthalt

Einen Sieben-Meilen-Schritt in diese Richtung hat Brigitte Ettl, ärztliche Leiterin des Krankenhauses Hietzing sowie Mitgründerin und Präsidentin der österreichischen Plattform Patientensicherheit, initiiert. „Ich habe mich ein bisschen an die Dänen angelehnt, die bezüglich Patientensicherheit Vorreiter in Europa sind.“ So haben die Dänen seit Jahren ein verpflichtendes Fehlermeldesystem und ein Patientenhandbuch, das Patienten auffordert, aktiv in ihre Behandlung, ins Spitalsgeschehen einzugreifen und das Tipps gibt, wie man das macht, wie man fragt und dergleichen.

 

Fragende Patienten unerwünscht

Dieses dänische Buch war Basis des österreichischen Patientenhandbuches („Ihr Patientenhandbuch. Leitfaden für einen sicheren Krankenhausaufenthalt“), das im Frühjahr in drei Spitälern Patienten verschiedener Abteilungen ausgehändigt werden wird. „Natürlich nicht ohne entsprechende Erklärungen“, betont Ettl. Und selbstverständlich nicht ohne Vorbereitung von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern. Denn hier muss sich ja ein Kulturwandel vollziehen.

„Unser jetziges System goutiert nicht wirklich, wenn sich Patienten einmischen, viele trauen sich das daher gar nicht. Das Buch soll eine Änderung bewirken und Patienten aufmuntern, Fragen zu stellen und Missstände aufzuzeigen. Es soll zu einer offeneren und transparenteren Kommunikation beitragen.“

Finanziert wurde das Buch, in dem viel Platz für persönliche Notizen ist, von der Plattform Patientensicherheit und vom Gesundheitsministerium – Minister Alois Stöger zeigte sich von dieser Idee begeistert. Die Bücher werden in der 2.Chirurgie des Krankenhauses Hietzing, in der onkologischen Abteilung des Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spitals sowie am AKH Linz durch viele Hände gehen. Dessen ärztlicher Direktor, Heinz Brock: „Die Einbeziehung des Patienten in Entscheidungsprozesse ist unbedingt notwendig. Damit wird die Gesundheitsversorgung verbessert, die Patientenzufriedenheit und -sicherheit werden erhöht.“

 

Krankenhäuser erst reif machen

Freilich gelte es, so Brock, psychologische Barrieren bei Patienten abzubauen, die sich oft nichts zu sagen getrauen. „Der Patient soll ein Stück mehr befähigt werden, Irrtümer und Fehler im Ablauf zu erkennen und darauf hinzuweisen.“ Und freilich müsse sich auch bei den Ärzten einiges in ihrer Einstellung ändern. „Sie müssen den Patienten als Partner in diesem Prozess ernst nehmen und als Garant für mehr Sicherheit sehen.“ „Dazu muss man ein Krankenhaus oder eine Abteilung erst einmal reif machen, dass Patienten ohne Angst fragen dürfen, dass sie nicht als Störfaktor, sondern als fruchtbare Quelle gesehen werden“, wirft Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte, ein. Da sei sehr viel Schulung beim Personal nötig, damit es Patientenhinweise nicht als Kritik oder Angriff sehe, sondern als Beitrag zur Sicherheit. Da seien noch viel Arbeit notwendig und ein steiniger Weg zu gehen, „aber das ist es zweifellos wert“. Denn, so Bachinger, das Projekt sei mehr als begrüßenswert. „Allerdings gibt es auch eine Gefahr. Es darf nicht in die Richtung gehen, dass man Verantwortung auf den Patienten abwälzt.“ Das Handbuch sei sehr umfangreich und stelle schon hohe Anforderungen an den Patienten.

 

Spitalskultur noch nicht so weit

„Jeder kann sich genau das aus dem Buch nehmen, das er braucht, das für ihn gerade jetzt wichtig ist, es ist wirklich einfach geschrieben und soll den Patienten verleiten zum Lesen und zum Aktivwerden“, kontert Ettl. Nach einer Pilotphase soll das Projekt evaluiert und bei Erfolg in weiteren Krankenhäusern implementiert werden.

„Ich habe den Eindruck, dass die Spitalskultur in Österreich noch nicht so weit ist“, zweifelt Norbert Pateisky, Gynäkologe und Spezialist für Patientensicherheit, der sich mit dem Unternehmen AssekuRisk lieber um „die Dinge von innen heraus kümmert“. Vom Prinzip her sei die Sache jedoch gut und positiv, denn „man muss auf allen Schienen fahren, damit sich das System endlich zu ändern beginnt.“ Er jedenfalls wünsche dem Projekt viel Erfolg.

 

Partnerschaft statt Abwertung

Bei Erfolg wird dann ein Patient auf die Frage, welche Tablette, welche Injektion er denn da bekomme, eine partnerschaftliche Aufklärung erhalten und erfahren, was denn nun in seinen Körper hineinkommt. Und nicht mehr die abwertende Antwort erhalten, wie es heute noch an sehr vielen Spitalsabteilungen üblich ist (so man nicht Klassepatient ist): „Nehmen S' das nur, das passt schon.“

Auf einen Blick

Spitalspatienten, die fragen oder sich gar in Entscheidungsprozesse einmischen, werden vom Krankenhauspersonal häufig als Störfaktoren betrachtet.

Patienten sehen aber vieles, was dem Spitalspersonal oft entgeht. Werden sie als gleichberechtigte Partner anerkannt, könnten sie die eigene Sicherheit erhöhen und Fehler im Krankenhaus reduzieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)