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Der lange Schatten der „Klinik Hoff“

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(c) AP (Ronald Zak)
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Der Fall "Wilhelm J." verschärft sich: Ein zweites mögliches Opfer von Versuchen mit Malaria in den 1960ern hat sich gemeldet. Im AKH beginnt mittlerweile die Suche nach Beweisen.

Wien. Mediziner zählen üblicherweise nicht zu den Berufsgruppen, die man in Archiven antrifft – zumindest im Hinblick auf die Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie gilt es, diese Einschätzung dezent zu korrigieren: Nach Berichten über Malaria-Versuche in den 1960er-Jahren berät man in der Klinik über Wege aus der Affäre – und sucht nach Archivmaterial über die möglicherweise zweifelhafte Praxis der damaligen „Klinik Hoff“. Dabei kennt der Druck in Richtung Aufklärung nur eine Tendenz: die steigende. Denn neben Wilhelm J., der in einem Ö1-Interview über seine „Therapie“ mit Malaria gegen die (heute zweifelhafte) Diagnose der „Psychopathie“ im Jahr 1964 berichtete, hat sich ein zweiter Betroffener beim Rundfunk gemeldet.

„Derzeit besprechen wir organisatorische Fragen, wie wir das Material zusammentragen“, so Johannes Wancata, Leiter der Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik. Ob man, wie angekündigt, bereits Personal kontaktiert habe, das 1964 in der Klinik tätig war? „Bisher nicht, wir diskutieren noch, wie wir am objektivsten herangehen“, so Wancata, der sich verteidigt: „Aber wir sind dran, wir versuchen nicht, etwas aufzuschieben.“ Aber egal wie eilig es die Klinik hat – für die Krankenakten eines Wilhelm J. ist schon zu viel Zeit vergangen. Sie wurden nach der gesetzlichen Vorhaltezeit von 30 Jahren vernichtet. Als Quelle bleiben wissenschaftliche Publikationen der 1960er.

Letztere müssten längerfristig zu finden sein – schließlich war die „Klinik Hoff“, nach ihrem Leiter, dem Psychiater Hans Hoff benannt, in den 1950er-Jahren nicht unbekannt. Hoff selbst galt als produktiver wissenschaftlicher Autor, obwohl ihn das NS-Regime zur Unterbrechung seines Wiener Karriereweges zwang: 1938 emigrierte Hoff, der als Assistent unter Julius Wagner-Jauregg die Malaria-Therapie kennenlernte, in den Irak und später in die USA.

Nach seinem Engagement an der Columbia University in New York wurde Hoff 1950 Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien. Dort richtete er zahlreiche Spezialstationen ein und befasste sich mit Alkoholsucht – es war Hoff, der 1956 den Verwaltungsminister Anton Proksch von einer Trinkerheilstätte in Kalksburg überzeugte.

 

Hoff publizierte auch über Malaria

Dass sich der Wagner-Jauregg-Schüler Hoff, dessen Chef 1927 für die Malaria-Therapie trotz ihrer schweren Nebenwirkungen den Nobelpreis erhielt, ebenfalls damit beschäftigte, liegt auf der Hand – aber weit vor den 1960ern, wo der Einsatz einer Krankheit gegen eine andere nicht mehr Usus war. Im Archiv des Springer-Verlags findet sich eine Publikation Hoffs zum Thema Malaria von 1925. Darin geht es allerdings um Infektionskrankheiten, nicht um psychische.

Medizinisch nachweisen kann man eine Malaria-Infektion von 1964 nicht mehr. „Im Körper hinterlässt eine Infektion mit Blut höchstens sechs Monate lang Spuren“, so Herwig Kollaritsch vom Institut für Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien, „nur eine Infektion durch eine Mücke kann eine Form mit späten Rückfällen auslösen“. Jene wiederkehrenden Fieberschübe, die WilhelmJ. als Teil seines Leids beschreibt, sind demnach ungeklärt. Wilhelm J. erwägt nach Informationen von Ö1 eine Klage gegen die Klinik. Das Datum seiner späten Symptome könnten Anwälte anstatt der Infektion als Ausgangspunkt heranziehen, um die Verjährungsfrist zu umgehen.

Zu Wort gemeldet hat sich gestern, Dienstag, auch Wiens Bürgermeister Michael Häupl. Geklärt werden müsse der Fall im AKH, so Häupl. Die Stadt habe den Opferschutzverein „Weißer Ring“ beauftragt, abseits der Schuldfrage Wege der Wiedergutmachung zu suchen.

Neben dem AKH war gestern auch die nach Missbrauchsvorwürfen gegen ein Kinderheim am Wilheminenberg eingesetzte Kommission als Ermittlerin kolportiert worden. Dem widerspricht ihre Leiterin Barbara Helige.

Auf einen Blick

Die Therapie bestimmter Erkrankungen mit Malaria war in den 1920er-Jahren in Fachkreisen trotz ihrer Nebenwirkungen anerkannt. Sie verlor mit dem Aufkommen von Antibiotika und Psychopharmaka ihre Bedeutung. Die Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH sucht nach Hinweisen, ob die Methode noch in den 60ern eingesetzt wurde, wie der Klinik vorgeworfen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)