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Die Arbeit eines Installateurs ist Geld wert - kritische Öffentlichkeit ebenfalls

Im ORF arbeiten viele freie Mitarbeiter für extrem niedrige Honorare, in Magazinen, Zeitungen und Onlinemedien ebenso. Irgendwann merkt man das den Produkten an.

Journalisten haben über alle anderen stets etwas zu sagen. Über AHS-Lehrerinnen und ÖBB-Bedienstete, über Supermarktkassierinnen und Justizwachebeamte, über deren Privilegien, Probleme und Kollektivverträge. Bloß über ihren eigenen Beruf reden Journalisten selten.

Im Zuge der jüngsten ORF-Turbulenzen wurden die Honorarhöhen der dortigen freien Mitarbeiter bekannt. Dabei erfuhr das Publikum, dass jene Menschen, die – insbesondere auf Ö1 und FM4 – einen großen Teil der hochwertigen Inhalte produzieren, nach Tarifen bezahlt werden, für die man in anderen qualifizierten Berufen kaum einen Finger rührt. Dass über diesen Teil des ORF-Konflikts auffällig zurückhaltend berichtet wurde, ist kein Zufall. Denn im Print- und Onlinejournalismus schaut es keineswegs besser aus. Eher noch schlechter.

In den Medien hat sich in den vergangenen Jahren Ähnliches abgespielt wie in anderen Branchen: Die Produktivität wurde erhöht, Posten eingespart, Arbeit ausgelagert, Kosten gedrückt, Gewinne maximiert. Mit dem Effekt, dass die Arbeitsbedingungen zwischen jenen innerhalb des Systems und jenen außerhalb extrem auseinanderklaffen. Für Erstere gibt es, leistungsunabhängig, alle fünf Jahre automatisch zehn Prozent mehr Gehalt. Während Zeilenhonorare für freie Mitarbeiter vielerorts um mehr als die Hälfte gekürzt wurden. Dass der Gewerkschaft Ersteres mehr am Herzen liegt als Zweiteres, wird niemanden überraschen.

Mittlerweile werden ganze Zeitungs- und Magazinseiten um 200 Euro gefüllt – 150 für den Text, 50 fürs Foto. Im Onlinebereich, wo man noch näher an der Gratiskultur dran ist, ist es noch billiger. Das sind, wohlgemerkt, keine Anfängerhonorare für junge Leute, die noch üben. Sondern für Profis, die manchmal zu den Besten ihrer Zunft gehören, für die Qualität ihrer Arbeit mit Preisen ausgezeichnet werden und damit über Jahre hinweg ihre Familien ernähren.

Gejammert wird darüber selten. Und es müsste die Öffentlichkeit nicht groß interessieren. Wenn sich diese Honorarhöhen nicht auch direkt im Produkt, im Programm, in den Medieninhalten niederschlagen würden.

Wie muss man nämlich arbeiten für 150 Euro pro Seite, wenn man davon lebt? Man muss möglichst viele Zeilen produzieren, in möglichst wenigen Stunden, mit möglichst wenig Aufwand. Statt vor Ort zu sein (kostet Zeit und Spesen), schreibt man vom Schreibtisch aus etwas zusammen. Statt konkret nachzuschauen und dreimal nachzufragen, vermutet man das Naheliegendste und schmückt es hübsch aus. Ein bisschen nachdenken geht sich eventuell aus. Aber recherchieren? Auf die Gefahr hin, dass die Recherchen im Nichts enden und gar keine Geschichte dabei herausschaut? Als Angestellter kann man sich das eventuell noch leisten, als Freier nicht.

Dazu kommen Zusatzjobs im Grenzbereich zur PR, die fast jeder freie Journalist machen muss, um eine halbwegs vernünftige Mischkalkulation zusammenzubringen. Selbstverständlich gibt es Auftraggeber, die spendabler sind als andere. Wie viel Unangenehmes wird man über die schreiben, wenn von ihrem Honorar die nächste Installateurrechnung bezahlt werden muss?

Nein, die Arbeitsbedingungen von Journalisten sind nicht bloß für Journalisten von Bedeutung, sondern für alle Menschen, die an einer kritischen Öffentlichkeit interessiert sind. Gut, dass die ORF-Mitarbeiter einen Anfang gemacht haben.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)