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Jolie legt Klischees in Schutt und Asche

(c) Elmo Movieworld
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"In the Land of Blood and Honey": Angelina Jolies Regiedebüt wird bei der heute beginnenden Berlinale vorgestellt. Ihr umstrittener Bosnien-Kriegsfilm ist aber gut recherchiert, sensibel und kompromisslos.

Ein verliebtes Paar, tanzend und flirtend, ins warme Licht eines Clubs getaucht, eine Szene so universell erkennbar, dass sie sofort eine vertraute Atmosphäre kreiert, den Zuseher beinahe einlullt. Im nächsten Moment detoniert eine Bombe und legt das Tanzlokal in Schutt und Asche. Getrennt voneinander kriechen die beiden aus den zerfetzen Gebäuderesten hervor. Das Idyll hat sich in Chaos verwandelt. Der Ort des Geschehens ist Sarajewo, das Jahr 1992, eben hat der Bosnien-Krieg seinen Anfang genommen.

Wenn Film vom Krieg erzählt, dann meist aus einem männlichen Blickwinkel. Dem Blickwinkel des Handelnden, des Soldaten an der Front. Nur selten nehmen Frauen sich dieser Perspektive an. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow machte sich mit ihrem Irak-Kriegsfilm The Hurt Locker dieses wohl männlichste aller Genres zu eigen und gewann als erste Regisseurin überhaupt einen Oscar.

Wenn Frauen vom Krieg erzählen, dann meistens indirekt. Ihre Filme handeln von den Folgen, den psychischen Wunden, die der Krieg hinterlassen hat. Es geht oft um Solidarität mit den Opfern. Mit den Frauen. Oft braucht es eine räumliche und zeitliche Distanz, um Zugang zum durch den Krieg verursachten Trauma zu finden. Esmas Geheimnis – Grbavica, der 2006 mit dem Goldenen Bären von Berlin ausgezeichnete Film der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić, erzählt vom Trauma der Vergewaltigung im Bosnien-Krieg, tastet sich aber vorsichtig über die nach dem Krieg geborene Generation an das sensible Thema heran. Das Fräulein von der Schweizerin Andrea Štaka befasst sich mit den Auswirkungen des Bosnien-Krieges auf drei Frauen im Exil.

 

Abgeknallte Zivilisten

Starschauspielerin Angelina Jolie scheint keine Berührungsängste mit dem Krieg zu haben. Ihr Regiedebüt In the Land of Blood and Honey, bei dem sie auch für das Drehbuch und die Produktion verantwortlich zeichnet, hat diesen Samstag bei der Berlinale Europa-Premiere. Jolie katapultiert die beiden Protagonisten Alja (Zana Marjanović), eine bosnische Muslimin, und Danijel (Goran Kostić) nach dem oben skizzierten „Vorspiel“ direkt und erbarmungslos ins Kriegsgeschehen. Alja, die Malerin ist, lebt mit ihrer Schwester und deren Baby zusammen. Einige Monate nach Ausbruch des Krieges werden sie von Soldaten mit den anderen Hausbewohnern auf die Straße getrieben. Die hübschen, jungen Frauen, darunter auch Alja, werden herausgefischt, auf einen Transporter gepackt und in eine Kaserne gebracht, in der serbische Soldaten stationiert sind. Auf dem Weg knallt ein Soldat wie beiläufig einen Passanten ab.

Es ist diese abrupte, unerwartete und doch so selbstverständlich ausgeführte Gewalt gegen Zivilisten, die das größte Schockpotenzial hat. Etwas später im Film wird Aljas Schwester, die von der Suche nach Restbeständen von Medikamenten zurück in die Wohnung kommt, entdecken, dass Soldaten in der Zwischenzeit ihr Baby aus dem Fenster geworfen haben. Die Massenerschießungen vor bereits geschaufelten Gräbern, wie sie in Srebrenica stattgefunden haben, werden ebenso wie ein Gefecht gezeigt, in dem die Frauen als lebende Schutzschilde gebraucht werden. Der Kommandant der Kaserne, in die Alja gebracht wird, ist Danijel; angesichts der Identität der Regisseurin und Drehbuchautorin scheint die Sorge berechtigt, dass der Film spätestens hier in geschichtsverfälschenden Hollywood-Kitsch abdriftet. Während der Dreharbeiten gab es Proteste von bosnischen Frauen, als publik wurde, dass Jolies Film von einer Liebesgeschichte zwischen einem serbischen Soldaten und einer muslimischen Bosnierin handeln sollte. Doch Jolie hat ihre Hausaufgaben gemacht. Ob sie sich dabei etwas zu sehr von dem Roman „A Soul Shattering“ inspirieren hat lassen, wie der Autor James Braddock (alias Josip Knezevic) behauptet, sei dahingestellt. Es ist sicherlich auch der sensiblen Darstellung der Hauptdarsteller zu verdanken, dass die Geschichte zwischen Alja und Danijel ständig in der Schwebe bleibt.

 

Brutale Präzision

Der Film hält seinen Spannungsbogen auch wegen dieser sich ständig verschiebenden, ungleichen Beziehung. Ist der Mann Beschützer oder Despot, die Frau Opfer oder Opportunistin? Sind die beiden trotz allem noch Liebende, oder wird die Liebe zwangsläufig korrumpiert, wenn man sich in feindlichen Lagern gegenübersteht? Es ist als Verdienst von Angelina Jolie zu werten, dass sie die brutale Präzision bis zum Ende durchzieht. Ohne auch nur ein Mal ins Hollywood-Klischee zu tappen.

Berlinale: Von Jacquot bis Jolie

Die 62. Filmfestspiele Berlin werden heute Abend eröffnet (live auf 3sat, ab 19.20h). Zum Auftakt zeigt man Benoît Jacquots am Vorabend der Französischen Revolution spielenden Wettbewerbsbeitrag „Les adieux à la Reine“ („Leb wohl, meine Königin!“). 18 Filme konkurrieren, bis 19. Februar muss die Jury unter Vorsitz des britischen Regisseurs Mike Leigh den Goldenen Bären küren. Im Rennen sind u.a. der Deutsche Christian Petzold und Billy Bob Thornton (USA).

Für Starpräsenz sorgen Angelina Jolie, die ihr Regiedebüt vorstellt, oder Meryl Streep, die heuer den Ehren-Bären erhält– und natürlich Hauptdarsteller von Banderas bis Huppert.

Aus Österreich konkurriert „zounk!“ von Billy Roisz um den Kurzfilm-Bären, fünf heimische Filme laufen in Nebenschienen: „Glaube Liebe Hoffnung“ von Peter Kern, „Spanien“ von Anja Salomonowitz, „What Is Love“ von Ruth Mader, die Haushofer-Adaption „Die Wand“ von Julian Pölsler und „Kuma“ von Umut Dag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2012)